Deutsch-Österreich [ˈdɔɪ̯ʧˌʔøːstəʀaɪ̯ç], Deutschösterreich, deutschsprachiges Österreich, deutsches Österreich (obsolet), Determinativkompositum, Neutrum, Toponym. Geografischer Eigenname eines sprachlich-kulturellen völkischen Großraumkonstruktes, das bis zum Untergang des römisch-deutschen Reiches vor allem auf die habsburgischen Länder angewandt wurde, die der deutschen Linie des Hauses Habsburg unterstanden.

181566 wurde die Bezeichnung auf die habsburgischen Teile bezogen, die innerhalb der Grenzen des Deutschen Bundes[1] lagen. Nach 1867 inoffiziell auf die Österreichische Reichshälfte übertragen. Kulturzentrum Deutschösterreichs war die Reichs- und Residenzstadt Wien. Die Bewohner deutscher Muttersprache wurden Deutsch-Österreicher genannt. Beiwort war deutsch-österreichisch.

Auffällig ist, dass das heutige Burgenland nicht zu Deutsch-Österreich, sondern als Deutschwestungarn zum gleichnamigen ungarischen Komitat gerechnet wurde; es war damit Teil der Ungarischen Reichshälfte.

Synonyme

Etymologie

Deutsch-Österreich ist eine Wortzusammensetzung von deutsch und Österreich und bezog sich auf die geschlossenen Gebiete der Habsburgermonarchie, in denen mehrheitlich bis ausschließlich österreichisches Deutsch gesprochen wurde.

Landesfarben/Regionalfarben

Landes- oder Regionalfarben kannte Deutsch-Österreich keine; vielmehr verwendeten die Deutsch-Österreicher die jeweiligen Landesfarben der Länder.

Im Zuge der Deutschen Märzrevolution von 1848/49 verwendeten die Deutsch-Österreicher, die mehrheitlich großdeutsch bis großösterreichisch orientiert waren, die Revolutionsfarben Schwarz-Rot-Gold, die sich hier als deutsche Nationalfarben etablierten. Deutsch-Österreich galt als organischer Teil des ethnisch-nationalen Konzeptes namens Deutschland.

Geografische Lage, Naturräume

Geografische Lage

Geografisch war die Großregion Deutsch-Österreich ein Teil des östlichen und südöstlichen Mitteleuropas.

Naturräume

Naturräumlich wurde Deutsch-Österreich als historische Großregion durch die vergletscherten Gebirgsketten der Alpen geprägt und besaß Ausläufer in den Dolomiten und in den Randgebieten des böhmisch-mährischen Kessels.

Hauptsächlich wurde die Region durch das Wiener Becken und den Nord- und Zentralalpen geprägt. Im Westen bildeten Bodensee, Rhein, Rätikon und die Silvretta natürliche Grenzen.

Im Norden wurde Deutsch-Österreich durch das Deutsche Alpenvorland sowie durch das Granit- und Gneisplateau begrenzt, indes sie im Süden an den Südalpen, Karawanken und dem Oststeirischen Hügelland sowie an den Windischen Bühel begrenzt wurde. Das Alpengebiet, das heißt, die Nord-, Zentral- und Südalpen sowie das Wiener Becken stellten das naturräumliche Zentrum dar. Zudem hatte die Region einen geografischen Anteil am Böhmisch-Mährischen Becken und besaß dort seine nördlichen Grenzen am Altvater- und Adlergebirge, dem Glatzer Schneegebirge und dem Riesengebirge, während sie im Westen durch das Riesen- und das Erzgebirge sowie dem Pfälzer Vorwald und dem Böhmerwald begrenzt wurde.

Fläche, Bevölkerung, ethnische Gruppen, Religion, Sprache

Fläche

In seiner Ausdehnung umfasste Deutsch-Österreich, das heißt, die österreichischen Gebietsteile innerhalb des Deutschen Bundes, 3480,93 Quadratmeilen[2] oder rund 183 334 qkm.

Es umfasste zwischen dem 28. Juli 1867 und dem 12. November 1918, nach dem Österreichisch-Ungarischen Ausgleich bis Ende des I. Weltkrieges (191418), 79 866 qkm.[3]

Bevölkerung

Seine Wohnbevölkerung betrug bei Gründung des Deutschen Bundes 9,765 Millionen,[2] die bis zur Volkszählung 1910 auf 18 468 378 anstieg. Von diesen waren am Ende des I. Weltkrieges noch 6,375 Millionen deutscher Muttersprache.[3]

Ethnische Gruppen

Ethnische Gruppen in Deutschösterreich:
    Deutsche
    Tschechen
    Polen
    Slowenen und Windische
    Italiener und Ladiner

Ethnisch gesehen war Deutsch-Österreich 1815–1866 ein Spiegelbild des habsburgischen Nationalitätenstaates. Zu den in der Grafik dargestellten Nationalitäten traten noch die Juden, die damals schon als eigene Rasse aufgefasst wurden.

Von Oktober 1918 zur Proklamation der parlamentarisch-demokratischen Republik Deutschösterreich im November umfasste es nur noch die deutschösterreichische Volksgruppe des einstigen Österreich-Ungarns, zu der in den Grenzgebieten noch Tschechen, Slowaken, Slowenen und Italiener sowie Ladiner traten.

Religion

Seiner Religion nach war Deutsch-Österreich fast ausschließlich römisch-katholisch geprägt. Die evangelische und jüdische Religionsminderheit machten nie mehr als zehn Prozent der Bevölkerung aus, wobei die Juden in Österreich rund ein Prozent hielten.

Sprachen

Offizielle Amtssprachen Deutsch-Österreichs waren Neuhochdeutsch österreichischer Prägung und Tschechisch, welches in Böhmen-Mähren vorherrschend war. In der Familie und im Bekanntenkreis sowie in der Nachbarschaft verwendeten die Deutschösterreicher einheimische Dialekte, die im Norden schlesischer, im Nordwesten obersächsischer und ostfränkischer und im Süden bairischer Herkunft waren. Im Westen dominierten schwäbisch-alamannische Dialekte.

Eine Besonderheit Böhmen-Mährens war, dass dessen Adel im 17./18. Jahrhundert überwiegend deutschsprachig war. Auch das tschechische Bildungsbürgertum war Ende des 18. Jahrhunderts überwiegend deutscher Sprache. Das war eine Folge der fast neunhundertjährigen Zugehörigkeit der Region zum Deutschen Kulturkreis, da es seit dem 9./10. Jahrhundert bis zu dessen Auflösung zum römisch-deutschen Reich gehörte. Nach 1806 gehörte es bis 1918/19 zu Österreich.

In Welschtirol war österreichisches Deutsch lediglich Verwaltungs- und Militärsprache, Volkssprache war Italienisch. Die wenigen Slowaken, die im mährisch-ungarischen Grenzgebiet lebten, verwendeten das ihrer Sprache eng verwandte Tschechische, da sie noch keine eigenständige Nationalsprache ausgebildet hatten.

Seit Oktober 1918, nach dem Auseinanderbrechen der Doppelmonarchie in diversen Nationalstaaten, war Deutsch-Österreich durchweg deutschsprachig.

Verhältnis zum Staat, Regierungsform, Verwaltungsstruktur

Verhältnis zum Staat

Bis zur Gründung des Deutschen Reiches (1870/71) war es für die Deutsch-Österreicher selbstverständlich, dass sie Deutsche waren und dass sie sich zur deutschen Nationalkultur bekannten. Die Juden im Land galten durchweg als assimiliert sowie zur Zeit der Märzrevolution 1848/49 waren sie Anhänger Großdeutschlands und forcierten die Aufnahme Deutsch-Österreichs in den zukünftigen Nationalstaat der Deutschen. Das Haus Habsburg und der Adel jedoch forcierten die Aufnahme der Gesamtmonarchie in das zu schaffende deutsche Reich, was zugleich eine habsburgische Hegemonie in diesem bedeutet hätte.

Nach dem österreich-ungarischen Ausgleichs (1867) war das Verhältnis der Deutsch-Österreicher zu ihrem Staat zwiegespalten: Bis etwa 1885 vertraten sie im Sinne ihres Deutschnationalismus die Meinung, dass sich das deutsche Österreich letztendlich dem Deutschen Reich anschließen müsse, denn dieses galt in ihren Augen als Unternationalstaat.

Es ist für die deutsche Geschichte prägend, dass nicht nur die deutschnationale, sondern auch die alldeutsche, die völkische und die deutschvölkische Bewegung sowie der politische Antisemitismus ihre Wurzeln in Deutsch-Österreich haben. Auch der Nationalsozialismus, der in seiner deutschen Form die Welt in den II. Weltkrieg (193945) stürzen sollte, hatte seine Wurzeln in Deutsch-Österreich, vor allem in Deutschböhmen und Deutschmähren, dem späteren Sudetenland.

Nach 1890 hatte sich die Mehrheit der Deutsch-Österreicher mit dem habsburgischen Staat ausgesöhnt, obgleich ihre Parteien weiterhin die bundesstaatliche Verschmelzung ihrer Siedlungsgebiete mit dem Reich vertraten. Die radikalen Alldeutschen, aus denen später die Deutschvölkischen hervorgingen, vertraten bis zum Beginn des I. Weltkrieges die staatliche Zerschlagung des Staates. Zudem sollten die deutschen Österreicher alle zu den evangelischen Kirchen übertreten und die Juden aus Österreich entfernt werden.

Am 21. Oktober 1918 schlossen sich die deutschen Abgeordneten des Österreichischen Reichsrates zur „Provisorische[n] Nationalversammlung des selbständigen deutschösterreichischen Staates“ zusammen, womit diese den Untergang des Gesamtstaates anerkannten und die am 12. November den Anschluss ins Reich erklärten.

Regierungsform

Seiner Regierungsform nach war Deutsch-Österreich 18151918 monarchisch und ständisch geprägt.

Verwaltungsstruktur

Nachfolgend die territoriale Gliederung Deutsch-Österreichs, wie sie zwischen 1815 bzw. 1867 bis 1918/19 bestand. Die Bevölkerungsangabe und die Anzahl der Bezirke folgen den Volkszählungsergebnissen von 1910.

Name Fläche in qkm Bevölkerung Politische Bezirke
Gefürstete Grafschaft Görz und Gradiska 2918 261 721 9
Reichsunmittelbare Stadt Triest 95 2409 keine
Herzogtum Krain 9955 525 083 11
Markgrafschaft Mähren 22 222 2 620 914 42
Herzogtum Schlesien 5147 756 949 12
Königreich Böhmen 51 948 6 774 309 104
Gefürstete Grafschaft Tirol 26 683 946 498 27
Land Vorarlberg 2602 145 794 3
Herzogtum Kärnten 10 327 394 735 8
Herzogtum Steiermark 22 426 1 441 604 26
Herzogtum Salzburg 7153 214 997 6
Erzherzogtum Österreich ob der Enns 11 981 852 667 16
Erzherzogtum Österreich unter der Enns 19 822 3 530 698 26
Gesamt 183 334 18 468 378 290

Nach dem tschechisch-österreichischen Ausgleich, aber vor allem nach 1880, definierten sich auch die Deutschen in Böhmen-Mähren als deutschnational. Ihre Siedlungsgebiete gehörten zwar offiziell zu den Ländern der böhmischen Krone, doch bezeichneten sie diese durchweg seit dem 16. Jahrhundert als Deutschböhmen (Böhmerwaldgau, Egerland, Erzgebirge-Saazerland, Mittelgebirge, Elbetal, Polzen-Neiße-Niederland, Riesen- und Adlergebirge sowie Neuhauser-Ländchen), Deutschmähren (Altvatergebirge, Kuhländchen, Biskidenland, Kreis Znaim) oder Deutschschlesien. Und das mit gutem Recht: In Böhmen waren 18 461 qkm deutschbesiedelt und nur 302 qkm waren aufgrund ihrer Gemengelage zwischen Deutschen und Tschechen umstritten. In Mähren machten die deutschen Siedlungsgebiete 5431 qkm aus.[4] Die drei großen deutschen Sprachinseln Brünn, Iglau und Olmütz umfassten zusammen 486 qkm. Darüber hinaus zählten sich auch die deutschen Sprachinseln Schönhengstgau, Wischau und Böhmisch-Budweis zu Deutsch-Österreich, wobei die Stellung der Letzteren umstritten war.

Siehe auch

Literatur

Fußnoten

  1. Schnabel, Jiří Norbert: Geographisch-Statistisches Tableau der Europäischen Staaten, 1826, abgerufen am 22. Juni 2017.
  2. 2,0 2,1 Jähnig, Bernhart: Kleiner Atlas zur deutschen Territorialgeschichte, Bevölkerungsstatistiken: Größe und Einwohnerzahlen der Staaten des Deutschen Bundes 1815, S. 169.
  3. 3,0 3,1 Ertl, Karl Hans: Gebiets- und Bevölkerungsverluste des Deutschen Reiches und Deutsch-Österreichs nach dem Jahre 1918, S. 108.
  4. Hettner, Alfred, Schmitthenner, Heinrich, Kolb, Albert: Geographische Zeitschrift, G. B. Teubn 1899, S. 299 und 301, abgerufen am 22. Juni 2017.
Nutzung von Community-Inhalten gemäß CC-BY-SA, sofern nicht anders angegeben.