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deutsche Einheit, deutsche Wiedervereinigung, politische Forderung, Kampfbegriff, Schlagwort. Geopolitische Forderung der deutschen Außen- und Innenpolitik zur Zeit des Kalten Krieges (194890).

Bis etwa 1967 wurde diese Forderung nach der (staatlichen) Einheit der Deutschen sowohl von der politischen Linken und den Liberalen bis zur politischen Rechten in der damaligen Bundesrepublik Deutschland (BRD) vertreten, galt diese doch als „Verfassungsauftrag“ des Grundgesetzes. Im Zuge der Abgrenzungspolitik der DDR (1970) begann der zweite deutsche Staat ab 1967 seine Eigenstaatlichkeit zu propagieren. Die sozialliberale Koalition (196975) begann im Zuge ihrer „Versöhnungspolitik“ nur noch das Gebiet der BRD und der DDR einschließlich Großberlin in mögliche Wiedervereinigungspläne einzubeziehen, die Oder-Neiße-Gebiete wurden nun außen vor gelassen. In den deutschen Ostverträgen (197073) garantierte die deutsche Bundesregierung den Fortbestand und die Endgültigkeit aller seit 1945 in Europa bestehenden Grenzen, einschließlich der innerdeutschen.

Mit der deutschen Wiedervereinigung (3. Oktober 1990) gilt die deutsche Frage als gelöst und die deutsche Einheit als erreicht.

Bereits vor der Zeit des Kalten Krieges war die Formulierung „deutsche Einheit“ eine politische Forderung der deutschen Nationalbewegung des 19. Jahrhunderts, als es darum ging, aus den zahlreichen Flächenstaaten des deutschen Sprach- und Kulturraumes, die überwiegend im Deutschen Bund (181566) vereinigt waren, einen zentralistisch-unitarischen Einheitsstaat, einen modernen Nationalstaat zu formen. Eine größtmögliche deutsche Einheit (großdeutsch) sollte aus Sicht Habsburgs die nationale Frage der Deutschen lösen, eine möglichst kleindeutsche aus der Sicht der Hohenzollern sollte dieses Ziel erreichen.

Etymologie

Deutsche Einheit ist als politische Formulierung des aufkommenden Nationalstaatsgedankens des 19. Jahrhunderts begründet, der auch die in Mitteleuropa siedelnden Deutschen ergriff. Diese empfanden sich seit dem Untergang des römisch-deutschen Reiches (1806) als sogenanntes geteiltes Volk; die Vereinigung der deutschen Staaten in einem einheitlichen Deutschland schien als Lösung gerecht zu werden, die deutsche Sprach- und Kulturnation zu einer deutschen Staatsnation zu formieren.

Der Begriff „deutsche Einheit“ steht für die als Ganzes wirkende Geschlossenheit und für das innere Zusammengehörigkeitsgefühl jener Menschen, die sich sprachlich-kulturell als deutsch definierten und deren staatliches Band die deutsche Staatsangehörigkeit war. Der Begriff gehört also zu den ethnonationalistischen Wortkonstrukten, das anfänglich alle Menschen deutscher Sprache und letztendlich alle Menschen deutscher Staatsangehörigkeit umfasste bzw. umfasst.

Chronik

1990–heute

Seit dem Abschluss des Zwei-plus-Vier-Vertrages (1990) und dem Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes (Art. 23) sowie dem Inkraftsetzen des Grundgesetzes in Gesamtberlin stellen die Begrifflichkeiten deutsche Einheit, vereintes Deutschland, Gesamtdeutschland und deutsche Nation Synonyme dar, da gemäß des modernen Völker- und Staatsrechtes das Grundgesetz nun für alle Deutschen gelte.

1945–90

Seit dem 23. Mai 1945 galt Deutschlands Rechtslage als offen und ungeklärt, nachdem die Alliierten, namentlich Großbritannien, die letzte Reichsregierung (Regierung Dönitz) abgesetzt und verhaftet hatte.

Bereit am 2. August 1945 einigten sich die UdSSR, Großbritannien und die USA darauf, dass Deutschland in den Grenzen von 1937 fortbestünde und dieses in Besatzungszonen zu gliedern sei. Die Gebiete östlich der Oder und der Lausitzer Neiße wurden einer provisorischen polnischen und sowjetischen Auftragsverwaltung übergeben. (→ Potsdamer Konferenz)

Nachdem am 23. Mai 1949 durch die Drei Westmächte in Bonn die Bundesrepublik Deutschland als staatliche Organisation des westlichen Teils Deutschland etabliert wurde und die für sich in Anspruch nahm, allein für Deutschland handeln und sprechen zu dürfen, kam es am 7. Oktober 1949 zur Errichtung der Deutschen Demokratischen Republik, die ebenfalls gesamtdeutsch ausgerichtet war und die dem „westdeutschen Separatstaat“ die völkerrechtliche Legitimität absprach. Da beide Staaten vom Gesamtstaatsprinzip ausgingen, nimmt es nicht wunder, dass beide international unter den deutschen Farben Schwarz-Rot-Gold agierten; lediglich das Gelb in der Ostfahne war etwas heller gehalten als das im Westen.

194959 hatten die Deutschen in Ost und West das symbolische Gefühl, dass sie noch in einem einheitlichen Gesamtdeutschland lebten, da in beiden deutschen Staaten die politische Symbolik in den Farben Schwarz-Rot-Gold lag. Dieses änderte sich mit der Aufnahme des Staatswappens in die Fahne der DDR. Offiziell wurde nun deutlich, dass sich zwei Staaten in Deutschland befanden, jeder im Recht, auf seinem Staatsgebiet stellvertretend für Deutschland (Deutsches Reich) zu sprechen und zu handeln. Die Bundesregierung jedoch sprach der Ostregierung dieses Recht ab und unterstellte dieser, die deutsche Einheit zu unterwandern. Dass beide Staaten jedoch im politischen Fahrwasser ihrer jeweiligen Besatzungsmächte standen, die seit 1955 den Status von „Verbündeten“ hatten, wurde seinerseits übersehen. Die deutsche Frage umfasste bis 197073 formaljuristisch das sogenannte dreigeteilte Deutschland, also BRD (mit Westberlin), DDR (mit Ostberlin) und die Oder-Neiße-Gebiete.

Entgegen früherer politischer Gepflogenheiten stellten weder die Bundesrepublik noch die DDR Gebietsansprüche gegenüber deutschsprachigen Nachbarn, sondern beide konzentrierten sich ursprünglich auf die Wiederherstellung des sogenannten Altreiches. Das bedeutete, dass weder die Bundesregierung noch die Regierung der DDR Ansprüche auf Danzig, das Sudetenland, Österreich, Luxemburg oder Elsass-Lothringen stellten, lagen diese Gebiete doch außerhalb der deutschen Grenzen von 1937.

Nach dem Abschluss der Ostverträge umfasste der Begriff „deutsche Einheit“ nur noch das Gebiet der BRD, der DDR und Gesamtberlin. Den deutschen Minderheiten in Polen und der Tschechoslowakei, die nun staatsrechtlich Polen und Tschechen waren, erlaubten Verträge nach Deutschland, das heißt, in die Bundesrepublik auszuwandern. Man sprach hier von Rücksiedlern, Spätaussiedlern und Familienzusammenführung. Diese Statusdeutschen besaßen den Anspruch, als deutsche Volkszugehörige die deutsche Staatsangehörigkeit zu erwerben. 1990 wurde mit der Vereinigung beider deutscher Staaten die deutsche Einheit offiziell vollendet und die deutsche Frage galt als gelöst.

Bei Bundestagswahlen griffen konservative Parteien wie die CSU oder die CDU den Begriff „dreigeteiltes Deutschland“ auf, um bei deutschen Heimatvertriebenen um Wählerstimmen zu werben, indem sie erklärten, dass es keinen wirksamen völkerrechtlichen Akt gäbe, der die „deutschen Ostgebiete“ von Deutschland abgetrennt hätten.

1806–1945

17701806 bestand der Begriff deutsche Einheit darin, aus den Deutschen innerhalb des deutschen Sprach- und Kulturraumes eine Sprach- und Kulturnation zu formen. Eine politische Forderung nach einem nationalen Staat stellte sich damals noch nicht. (→ deutsche Bewegung)

1806 ging das römisch-deutsche Reich infolge französischen Imperialismus unter und an dessen Stelle trat ein französisch kontrolliertes Protektorat, der Rheinbund. Hier liegen die Wurzeln der deutschen Nationalbewegung, die unter „deutsche Einheit“ die politische Vereinigung des geschlossenen deutschen Sprach- und Siedlungsgebietes verstanden.

181566 war die Mehrheit der Deutschen im Deutschen Bund vereinigt, der jedoch konträr zu deren Wunsch stand, in einem Nationalstaat zu leben; war doch der Bund ein Fürstenbündnis (Adelsnation), das der Volksnation entgegenstand. Der Deutsche Bund nahm für sich in Anspruch, Deutschland zu sein.

1848/49 wurde im Zuge der Märzrevolution begonnen, die nationale Frage der Deutschen gerecht und umfassend zu lösen. Doch scheiterte dieser Versuch, eine deutsche Einheit herzustellen am Gegensatz zwischen Groß- und Kleindeutschen. Die Großösterreicher versuchten letztmalig, die deutsche Einheit im Sinne Habsburgs herzustellen. Im Zuge des Deutschen Krieges wurde Österreich aus Deutschland herausgedrängt und die deutsche Einheit begann unter kleindeutschen Vorzeichen.

1867 trat der preußisch dominierte Norddeutsche Bund an die Stelle des Deutschen Bundes und im Laufe des Deutsch-Französischen Krieges (1870/71) traten die süddeutschen Staaten (mit Ausnahme Österreichs und Liechtensteins) dem Norddeutschen Bund bei. Ebenso blieb das ehemalige Luxemburg-Limburg außerhalb der deutschen Grenzen; gleich so die deutsche Schweiz. Im Sommer 1871 musste Frankreich das Elsass und den östlichen Teil Lothringens („Deutschlothringen“) an Deutschland abtreten (Reichsland Elsass-Lothringen), das sich nun Deutsches Reich nannte und einen Über- als auch Unternationalstaat darstellte.

18781900 kam es innerhalb des deutschen Sprach- und Kulturraumes zur Bildung diverser sozial-politischer Bewegungen, die den Begriff der deutschen Einheit nun ethnopolitisch definierte: Die Völkischen im Reich und die Deutschnationalen in Österreich verstanden darunter Großdeutschland im Sinne der kleindeutschen Idee. Die rein deutschen Siedlungsgebiete Österreichs sollten bundesstaatlich in das Deutsche Reich aufgenommen werden und sich der preußischen Dominanz fügen. Die Alldeutschen verstanden darunter die großdeutsche Idee, dass sich Deutsch-Österreich bundesstaatlich Deutschland anschloss. Abweichend von der habsburgisch geprägten Vorstellung, dass Großdeutschland habsburgisch geführt werden müssen, schlossen sich die Alldeutschen der reichsdeutschen Auffassung an, dass die politische Führung nur beim Haus Hohenzollern liegen könne. Die Deutschvölkischen letztendlich definierten den Begriff deutsche Einheit im Sinne der Rassenkunde; Deutschland („Alldeutschland“) könne nur ein deutschblütiger Rassestaat sein, der föderal auch andere germanischsprachige Länder (Benelux, Dänemark, Schweiz) an sich binden sollte.

Der deutschvölkischen Definition schloss sich auch der Nationalsozialismus unter Hitler (18891945) an, dessen Großdeutsches Reich sich nahezu mit der alldeutschen Idee von Schönerers (18421921) deckte. (→ Deutschland in den Grenzen vom 12. November 1918)

Dem verlorenen II. Weltkrieg (193945) geschuldet ist die Tatsache, dass der Begriff deutsche Einheit auf die deutschen Grenzen von Ende 1937 zurückgenommen wurde. Gesamtdeutschland stellte bis zum Abschluss der Ostverträge Deutschland in den Grenzen vom 31. Dezember 1937 dar.

Siehe auch

Literatur

  • Berschin, Helmut: Deutschland – ein Name im Wandel. Die deutsche Frage im Spiegel der Sprache, Analysen und Perspektiven, „Geschichte und Staat“ (Sonderreihe Band 1), Günter Olzog Verlag München–Wien 1979, ISBN 3-7892-7180-2.
  • Geiss, Imanuel: Die deutsche Frage 1806–1990, Meyers Forum, B. I. Taschenbuchverlag Mannheim – Leipzig – Wien – Zürich 1992, ISBN 3-411-10151-2.