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Die Alliierten setzten während des II. Weltkrieges (1939–1945) fest, dass unter „Deutschland“ nur das Deutsche Reich zu verstehen sei, wie es am 31. Dezember 1937 bestanden hatte. Sie machten damit alle territorialen Veränderungen rückgängig, die der deutsche Staat seit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft (1933–1945) nach 1935 durchlaufen hatte.

Fläche

1871–1918/19

Das deutsche Reichsgebiet war eine Folge von kriegerischen Auseinandersetzungen im Zuge der deutschen Nationalstaatsbildung. Seine Wurzeln lagen im Gebiet des Norddeutschen Bundes, zu dem im Winter 1870/71 das Gebiet der süddeutschen Staaten Baden, Bayern und Württemberg mit rund 110 443 qkm trat. Bei der Proklamation des Deutschen Kaisers (18. Januar 1871) umfasste das Reichsgebiet 521 434 qkm.

Im Sommer 1871 erreichte Deutschland in Form des Reiches, dass ihm das unterlegene Kaiserreich Frankreich das Elsass und den östlichen, überwiegend deutschbesiedelten, Teil Lothringens mit 14 520 qkm abtreten mussten. Nach der amtlichen Volkszählung von 1910 umfasste das Reichsgebiet in Europa 540 858 qkm. Zum Festlandbesitz trat noch der bis 1918 bestehende Kolonialbesitz des Reiches mit 2 950 900 qkm, sodass das Reich insgesamt 3 491 758 qkm umfasste.

1918–1919

Nachdem im Oktober 1918 begann, sich die deutsche Niederlage im I. Weltkrieg (1914–1918) abzuzeichnen, begannen vor allem die Alldeutschen in Österreich, ein völkisches Großraumkonzept zu vertreten, um Österreichs Ausschluss an der deutschen Nationalstaatlichkeit von 1870/71 zu revidieren. Am 12. November 1918 erklärte die junge Republik Deutschösterreich ihren Eintritt in die „deutsche Republik“, also in das republikanische Deutsche Reich.

Dieser großdeutsche Staat mit seinen 659 169 qkm bestand jedoch nur auf dem Papier, da ihm die völkerrechtliche Annerkennung verweigert wurde. Da bereits die Sudetenländer und Deutschsüdtirol von der Tschechoslowakei und von Italien besetztworden waren, begann man vonseiten Wiens und Berlins, die Eingliederung des „österreichischen Rumpfstaates“ mit seinen 79 866 qkm voranzutreiben. Das so entstandene Großdeutschland hätte formaljuristisch 620 724 qkm umfasst. Aber auch an den damaligen deutschen Ostgrenzen waren Grenzkämpfe ausgebrochen und der überwiegende Teil Posens von polnischen Milizen besetzt.

1919–1937

Der Versailler Vertrag von 1919 brachte weitreichende territoriale Veränderungen für das Reich mit sich: Es verlor alle seine Kolonien und weite Teile seiner Ostprovinzen. Zudem wurde 1923 ein weiter Teil seiner westlichen Gebiete durch die Kriegssieger besetzt.

Geregelt wurde bis 1923 auch die Grenzfrage Deutschland: Es trat neben Posen-Westpreußen, dem Memelgebiet und Ostoberschlesien auch Elsass-Lothringen und Nordschleswig an seine Nachbarn ab, sodass sein offizieller Gebietsstand 1926 nunmehr 460 787 qkm betrug. Als sogenanntes freies Reichsgebiet galten 430 247 qkm, 30 540 qkm[1] waren 1923–25 (Ruhrbesetzung) durch die Kriegssieger besetzt worden und durch bereits 1919 vertraglich der Wehrhoheit entzogen worden. Dieses Gebiet galt offiziell als unfreies Reichsgebiet.

1933 hatte das Reich, nach einigen Grenzberichtigungen, Landgewinnung an den Küsten und Neuvermessungen, 466 874 qkm an Staatsgebiet.

1935 kehrte nach Volksabstimmung das Saargebiet mit seinen 1912 qkm wieder in den deutschen Staatsverband zurück, sodass das Reichsgebiet nun 468 786 qkm umfasste. 1935 schloss das Reich mit den Niederlanden, Luxemburg und der Schweiz Grenzberichtigungsverträge ab, wodurch sich das deutsche Staatsgebiet auf 470 699 qkm erhöhte. Die letzte völkerrechtlich korrekte Grenzberichtigung erfolgte zwischen den Niederlanden und dem Reich, die völkerrechtswirksam am 31. Dezember 1937 wurde: Das Reich umfasste nun flächenmäßig 470 713 qkm. Bis zum März 1938 waren durch Landgewinnung noch 2 qkm hinzugekommen.

1938–1940

Wir fordern den Zusammenschluß aller Deutschen auf Grund des Selbstbestimmungsrechts der Völker zu einem Großdeutschland. —   Programm der Nat.-Soz. Deutschen Arbeiter-Partei, Punkt 1.

Ab Frühjahr 1938 begann die deutsche Reichsführung massiv, das Grundsatzprogramm der Partei, das noch aus dem Jahr 1922 stammte und seit der Neuaufstellung der Partei als „immerwährend“ galt, umzusetzen. Dabei nahm sie politische Einflussnahme auf die deutschen Minderheiten Europas, insbesondere auf die Sudetendeutschen der Tschechoslowakei. In Danzig und Österreich stellten Nationalsozialisten politische Parteien, derweil eine solche in der Tschechoslowakei seit 1933 verboten war.

Am 13. März 1938 kehrte – wie offiziell damals verkündet wurde – Österreich „heim ins Reich“, wodurch sich der Umfang des deutschen Reichsgebietes um 83 764 qkm auf 554 809 qkm erhöhte.

Ende September 1938 fand in München eine Konferenz statt, in der Deutschland zugesichert wurde, dass es sich der sudetendeutschen Gebiete mit 28 471 qkm ermächtigen dürfe; die Tschechoslowakei hätte sich in der Zeit zwischen dem 1. und 10. Oktober 1938 aus die von Deutschland beanspruchten Gebiete zurückzuziehen. Die deutsche Führung erklärte, dies seien die letzten Gebietsforderungen des Reiches, danach sei es statuiert. Nach dem 10. Oktober wies der deutsche Staat 583 280 qkm auf.[2]

Bereits am 15. März 1939 ließ der damalige Führer und Reichskanzler, Adolf Hitler (1889–1945), international seine friedliebende Maske fallen und offenbarte, dass es ihm nicht um die Umsetzung des Selbstbestimmungsrechtes der Völker, sondern allein um Geopolitik ging. Gewillt, die Tschechoslowakei zu zerschlagen, ließ er an diesem Tag die Deutsche Wehrmacht in die „Rest-Tschechei“ einmarschieren, nachdem sich unter deutscher Einflussnahme der Slowakische Staat am 14. März 1939 von der Tschechoslowakei abgespalten und sich unter „deutsche Schutzhoheit“ unterstellt hatte. Auf die Tschechei angesprochen, erklärte Hitler, dass „Böhmen und Mähren“ seit einem Jahrtausend als deutscher Kulturboden mit Deutschland verbunden sei. Staat „nationaler Gründe“ führte er nun „historische“ an. Deutschland umfasste damit offiziell 632 705 qkm.

Hitler ließ darauf hin die Rest-Tschechei in ein Reichsnebenland, in ein Reichsprotektorat Böhmen und Mähren, umwandeln, das sich autonom regierte und eine eigene Staatsangehörigkeit besaß. Die außenpolitische Vertretung oblag der Reichsregierung, was dazu führte, dass „Böhmen-Mähren“ letztendlich eine deutsche Kolonie war. Zudem war es vorgesehen, dass das Protektorat zu einem SS-Musterstaat umgebildet würde und dass die dortigen Tschechen germanisiert werden sollten.

Hitler begann mit der Annexion des Böhmisch-Mährischen Kessels, dass von den Alldeutschen unter Georg von Schönerer (1842–1921) maßgeblich mitentwickelte völkische GroßraumkonzeptAlldeutschland“ umzusetzen, dass ebenfalls die Besetzung und Germanisierung der Tschechen zum Inhalt hatte.

Kurz nach der Eingliederung der Rest-Tschechei wurde am 20. März 1939 zwischen Deutschland und Litauen ein Staatsvertrag abgeschlossen, der das 1923 annektierte Memelgebiet wieder an Deutschland zurückgab; dabei hatten auch deutsche Drohungen bei den Verhandlungen eine erfolgreiche Rolle gespielt. Mit der Angliederung des Memelgebietes umfasste das Reichsgebiet eine Fläche von 635 163 qkm.

Am 31. August 1939 hatte Deutschland in Form des sogenannten Großdeutschen Reiches seine de facto völkerrechtlichen Vorkriegsgrenzen erreicht, als es fast 700 000 qkm umfasste, von denen rund 587 000 qkm im deutschen Sprach- und Siedlungsgebietes lagen.

Am 1. September 1939 erfolgte der überfallartige Einmarsch der Wehrmacht und bewaffneter SS-Verbände in Polen, wodurch sich in der Folge der II. Weltkrieg entwickelte: Taggleich verkündete der Senat in Danzig, dass das Gebiet des Freistaates ab sofort Teil Deutschlands sei, wodurch sich dieses auf 637 077 qkm vergrößerte. Bis Ende September war Polen unterworfen und, infolge des Hitler-Stalin-Paktes, zwischen Deutschland und der UdSSR geteilt worden.

Im Oktober 1939 gliederte Deutschland die Gebiete des Polnischen Korridors ein sein Herrschaftsgebiet ein, die es um weitere polnische Gebiete erweitert hatte. Insgesamt waren 91 974 qkm davon betroffen. Aus dem ihm unterstellten Rest-Polen bildete es das sogenannte Generalgouvernement für die besetzten polnischen Gebiete, das 93 871 qkm umfasste. Indes der ehemalige Freistaat Danzig als deutsches Staatsgebiet galt, erhielten die neuen Reichsgaue und das Generalgouvernement im Osten des Reiches einen Sonderstatus: Die Bewohner dort wurden nicht automatisch deutsche Staatsangehörige, sie konnten sich um diesen Status bewerben. Für diesen Zweck hatte die Reichsregierung eigens sogenannte Volkslisten eingeführt, in die die Bewerber nach „Grad der Entfremdung“ einzutragen hatten.

Ende 1939 umfasste das deutsche Reichsgebiet offiziell 822 922 qkm.

1940–1943

Nach dem erfolgreichen Abschluss des Westfeldzuges (1940) befand sich das Deutsche Reich auf dem Zenit seiner Macht: Es hatte nicht nur Eupen-Malmedy mit Neutral-Moresnet und dem Monzener Ländchen (1056 qkm, 10. Mai) sowie Luxemburg (2586 qkm, 10. Mai), sondern auch Elsass-Lothringen (14 522 qkm, 2. August) undverwaltungstechnisch seinem Staatsgebiet angegliedert. Dem Reich war es bewusst, dass völkerrechtlich die Eingliederung dieser Gebiete umstritten war, verschob jedoch diesbezügliche Volksabstimmungen unbestimmt auf einen Zeitpunkt nach dem Endsieg(CdZ-Gebiet)

Formaljuristisch umfasste der „großdeutsche Machtbereich“, der in Statistiken gesondert geführt wurde, 841 086 qkm, von denen 586 238 qkm auf das eigentliche Großdeutschland entfielen.

Am 14. April 1941 gliederte das Reich mit der Südsteiermark (6800 qkm) und der Oberkrain (3200 qkm) Teile Nordjugoslawiens in sein Machtgebiet ein, sodass sich der Machtbereich des NS-Staates auf insgesamt 851 086 qkm erhöhte.

Am 27. Juni 1941, nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion, gliederte Deutschland den Bezirk Bialystok mit rund 31 000 qkm ein, dem am 1. August der Distrikt Galizien mit 51 200 qkm folgte. Letzterer wurde dem Generalgouvernement, Ersterer der Provinz Ostpreußen angegliedert. Damit stieg das Reichsgebiet formaljuristisch auf 933 286 qkm an.

Die Deutsche Reichsführung begann, ab 1942/43 Pläne auszuarbeiten, die Europa in ein weiteres völkisches Großraumkonstrukt namens Großgermanisches Reich Deutscher Nation führen sollte; zur Vollendung dieser Pläne sollte es nicht mehr kommen, da sich mit der Niederlage der VI. Armee in Stalingrad die deutsche Kriegsniederlage abzuzeichnen begann.

Am 10. September 1943 gliederte das Reich verwaltungstechnisch die sogenannten Operationszonen in Norditalien mit 27 457 qkm an, die die letzten Erwerbungen des Reiches darstellen sollten, völkerrechtlich dieses jedoch nicht betraf, da es sich weiterhin um italienisches Staatsgebiet handelte. Dennoch vergrößerte sich der deutsche Machtbereich auf nunmehr 960 743 qkm.

Ab 1944 waren die Außengrenzen des nationalsozialistischen Deutschlands dem Status einer „Frontbegradigung“ ausgesetzt, das heißt, sie wurden im Osten nach westlicher Richtung zurückgenommen.

Am 12. September 1944 beschlossen die Alliierten in London (Londoner Vertrag), dass sie unter „Deutschland“ nur das Deutsche Reich in seinen Grenzen vom 31. Dezember 1937 verstünden und dass dieses zwecks militärischer Besetzung in Besatzungszonen aufzuteilen sei.

1945–1990

Am 27. April 1945 erklärte sich Österreich für unabhängig und dass die Republik im Geiste der Verfassung von 1920 wieder hergestellt sei.

Nach der bedingungslosen Kapitulation der Deutschen Wehrmacht (7./8. Mai 1945) verhafteten die Alliierten am 23. Mai die letzte Reichsregierung (Regierung Dönitz) und führten die vollständige Besetzung Deutschlands durch, dessen Staatsgebiet – wie bereits von den Alliierten erklärt und beschlossen – 470 713 qkm umfasste. 114 296 qkm (Ostgebiete) wurden bis zum Juni 1945 von der UdSSR abgetrennt und überwiegend der Polnischen Volksrepublik übertragen. Nordostpreußen mit Königsberg annektierte die UdSSR.

Bis zum Abschluss des Zwei-plus-Vier-Vertrages galt der Umfang des Reichsgebietes als umstritten. Seit 1955 definierte man darunter das Gebiet der deutschen Teilstaaten (Deutsche Teilung) und Großberlins. Dagegen argumentierte die Bundesregierung bis 1969/70, dass Deutschland weiterhin in den Grenzen von 1937 existent sei und dass nur ein Friedensvertrag zwischen den Vier Mächten und einer gesamtdeutschen Regierung die Neuregelung deutscher Grenzen bemächtigen würde.

1990–heute

Seit dem 3. Oktober 1990 (Deutsche Wiedervereinigung) sind das aktuelle Bundesgebiet und das bisherige Reichsgebiet deckungsgleich, da mit dem Zwei-plus-Vier-Vertrag eine abschließende Regelung in Bezug auf Deutschland getroffen wurde.

Siehe auch

Fußnoten

  1. Liebers, Adolf (Hrsg.): Westermanns Weltatlas, Georg Westermann Braunschweig – Berlin – Hamburg 1928; neu herausgegeben durch: KOMET Verlag: Westermanns historischer Weltatlas, KOMET Verlag GmbH Köln 2005, Kapitel „Folgen des Weltkrieges“, S. 112a.
  2. Durch nachfolgende Grenzverträge mit der tschechoslowakischen Regierung übernahm Deutschland letztendlich 28 971 qkm, was sein Gebiet auf 583 780 qkm ansteigen ließ. Doch werden diese Verträge mehrheitlich nicht anerkannt, da davon ausgegangen wird, dass sie durch Abpressung erfolgt seien. Daher bleiben sie in der weiteren Aufzählung unberücksichtigt und dienen hier nur der Vollständigkeit.
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