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Gesamtdeutschland sg., auch gesamtdeutscher Staat oder deutscher Nationalstaat, Substantiv, Neutrum, soziologisch, ethnografisch, geopolitisch. Seit Winter 1848/49 völkisches Konzept einer vom deutschen Volk gewünschten staatlichen Organisation innerhalb eines gemeinsamen einheitlichen, zentralistisch-uniarischen Nationalstaates namens „deutsches Reich“. Beiwort ist gesamtdeutsch.

Synonym wurde für Gesamtdeutschland auch deutsche Einheit, Einheit der deutschen Nation, Großdeutschland oder Alldeutschland sowie vereintes Deutschland verwendet.

Vom Alldeutschlandkonzept der Alldeutschen unterschied sich Gesamtdeutschland darin gehend, dass nie die Eingliederung der Deutschschweiz oder des niederländischen Sprachgebietes gefordert wurde, auch wurde bei diesem Konzept Luxemburg oder Nordschleswig außen vor gelassen. Ersteres empfand inzwischen als frankofon, Letzteres entschied sich bei einer Volksabstimmung (1920) mehrheitlich für Dänemark.

Nachdem die alliierten Siegermächte des II. Weltkrieges (1939–1945) im Laufe des Jahres 1949 mit der damaligen Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik zwei Teilstaaten auf dem Gebiet des 1870/71 gegründeten Deutschen Reiches etabliert hatten, verstand man allgemein unter dem Begriff Gesamtdeutschland nur noch deren Territorium einschließlich Großberlins, das unter Vier-Mächte-Verwaltung stand.

Bis zum Abschluss der Zwei-plus-Vier-Verträge verstanden de jure sowohl die damalige deutsche Bundesregierung als auch der Bund der Vertriebenen unter „Gesamtdeutschland“ Deutschland in den Grenzen vom 31. Dezember 1937 bestanden hatte. Die Zugehörigkeit Österreichs und anderer deutschsprachiger Gebiete Europas wurde darunter nicht mehr verstanden, zumal die Österreichfrage spätestens seit 1955 obsolet war.

Etymologie

Gesamtdeutschland ist die Kurzform für das gesamte Deutschland betreffend bzw. das gesamte Deutschland umfassend.

Staatsfarben/Nationalfarben

Seiner nationaldemokratisch-großdeutschen Tradition heraus definierte sich Gesamtdeutschland per se in den Farben Schwarz-Rot-Gold, mit denen erstmals 1832 auf dem Hambacher Schloss ein demokratisches Gesamtdeutschland gefordert wurde.

Die Farben des de jure 1918/19 existierenden Gesamtdeutschland sollten Schwarz-Weiß-Rot sein, indes Liberale und Demokraten im Reich, sowie die Alldeutschen in Deutschösterreich, Schwarz-Rot-Gold forcierten.

Das Großdeutsche Reich führte als gesamtdeutscher Staat die Farben des Kaiserreiches in Form der Hakenkreuzfahne.

Geografische Lage, Naturräume

Gesamtdeutschland umfasste fast gänzlich die Landschaft Deutschland und teilte damit seine geografische Lage und dessen Naturräume.

Es ist aber auffällig, dass in allen gesamtdeutschen Konzepten, beginnend vom 19. Jahrunderts bis zum De-facto-Ende des II. Weltkrieges die Deutschschweiz immer ausgespart wurde. Im Wesentlichen beschränkte sich das Konzept auf das Deutsche Reich in den Grenzen von 1871 und auf Deutschösterreich. (Deutschland in den Grenzen vom 12. November 1918)

Fläche, Bevölkerung, Religion, Sprache

Fläche

Wie wir sehen werden, weist die Fläche Gesamtdeutschlands in seiner historischen Bedeutung bedeutende Diskrepanzen auf. Das im Sommer 1925 propagierte der Österreichisch-Deutsche Volksbund in seinem Flugblatt Das ganze Deutschland soll es sein! eine Fläche von 672 780 qkm mit rund 78 Millionen Einwohnern.[1]

Wie nachfolgend aufgezeigt wird, ist diese Flächenangabe nahezu identisch mit den Angaben des 19. Jahrhunderts und des am 12. November entstandenen Großdeutschland.

1990–heute

Aktuell umfasst Gesamtdeutschland mit 357 340 qkm und 80,219 Millionen. Einwohnern de jure das Territorium des vereinten Deutschlands, so wie es in den Zwei-plus-Vier-Verträgen definiert wurde.

1945/90

Bis zur staatlichen Vereinigung beider Teilstaaten mit Großberlin verstand man unter Gesamtdeutschland das von den Alliierten festgelegte Deutschland in den Grenzen vom 31. Dezember 1937, welches 470 713 qkm umfasste. Die Mehrheit seiner Wohnbevölkerung war deutsch, indes in den Ostgebieten, vor allem in den polnisch verwalteten, nur noch etwa 1,1 Millionen Deutsche lebten.

1919/45

In den 1920er und 1930er Jahren verstand man unter Gesamtdeutschland vor allem den staatlichen Zusammenschluss des Deutschen Reiches und Österreichs, der am 13. März 1938 unter dem Nationalsozialismus vollzogen wurde. Dieses Gesamtdeutschland umfasste nun rund 554 581 qkm mit 78,8 Millionen Einwohnern. In der Zeit zwischen dem 1. und 10. Oktober 1938 kam noch das Sudetenland hinzu, sodass der Gebietsstand auf etwa 583 581 qkm und der Personenstand auf 80 Millionen Einwohner anstieg.

Das nationalsozialistische Gesamtdeutschland umfasste am letzten Tag vor Ausbruch des II. Weltkrieges (31. Aug. 1939) etwa 633 786 qkm mit etwa 80,5 Millionen Einwohnern.

1918/19

Nach dem I. Weltkrieg (1914–1918) umfasste Gesamtdeutschland, im Gebietsstand vom 12. November 1918, in etwa 659 053 qkm und rund 76 Millionen Einwohner.

1948/49

Zur Zeit des Deutschen Bundes verstand man unter Gesamtdeutschland das 1848/49 das aus dem Deutschen Bund zu erschaffende deutsche Reich, dass aus dem damaligen Bundesgebiet unter Einschluss Deutsch-Posens (etwa 80 v. H. der preußischen Provinz) und der Provinz Preußen (West- und Ostpreußen) gebildet wurde und umfasste etwa 697 976,9 qkm mit rund 34,6 Millionen Einwohnern.

Religion

Der Religion nach ist Gesamtdeutschland (in Form der Bundesrepublik Deutschland) im Norden und Osten hauptsächlich evangelisch, im Westen und Süden überwiegend katholisch. Darüber hinaus zahlreiche Religionsminderheiten, vor allem Angehörige des Islam.

Sprache

Amtssprache ist Standarddeutsch binnendeutscher Ausprägung.

Staatsform, Regierungsform

Der Staatsform nach bildet das aktuelle Gesamtdeutschland parlamentarische Republik, indes die Regierungsform eine parlamentarische Demokratie darstellt.

Das Gesamtdeutschland der 1930er und 1940er Jahre war der Staatsform nach ein nationalsozialistischer Einheitsstaat, derweil die Regierungsform die eines diktatorischen Führerstaates war.

Problematik, [offene] Grenzfragen

Die Problematik Gesamtdeutschlands besteht darin, dass man seit jeher bemüht war, zumindest das geschlossene Sprachgebiet (was nicht mit dem Siedlungsgebiet der Deutschen identisch war) staatlich zu vereinigen. Dieses wurde vor allem im 19. Jh. durch die Großdeutsche Partei vertreten, wobei ausdrücklich immer die Deutschschweizer und Elsass-Lothringer aus der nationalen Frage der Deutschen ausgeschlossen wurden.

Offene Grenzfragen bestanden an der Westgrenze Luxemburgs, wo Arel (Belgisch-Luxemburg) für Gesamtdeutschland eingefordert wurde. Darüber hinaus sollten die Grenzen des gesamtdeutschen Staates von der Eider- bis an die Königsau-Linie vorgeschoben, West- und Ostpreußen sowie der deutsch besiedelte Teil Polens eingegliedert werden. Aus historischen Gründen sollten auch Böhmen, Mähren und die Krain Gesamtdeutschland erhalten bleiben. Ende des I. Weltkrieges wurden diese Ansprüche auf die mehrheitlich deutsch besiedelten Teile reduziert und bis deren Anschluss an das Deutsche Reich bis 1940 auch faktisch realisiert.

Nach 1945 bestand die offene Grenzfrage Gesamtdeutschlands darin, wie weit die Oder-Neiße-Gebiete von diesem abgetrennt waren und welchen völkerrechtlichen Status sie innehatten. Während die damalige Bundesrepublik Deutschland davon ausging, dass die Klärung offener Grenzfragen nur in einem Friedensvertrag vollzogen werden könne, gingen die DDR und die Mehrheit der Staatengemeinschaft davon aus, das Gesamtdeutschland nunmehr in der Form der beiden Teilstaaten und Großberlin fort existiere. Österreich und andere deutsch besiedelten Gebiete Europas wurden nun nicht mehr in die deutsche Frage einbezogen.

Dieser Theorie schlossen sich auch die Zwei-plus-Vier-Verträge an, in deren Folge das vereinte Deutschland geschaffen wurde, dass sich auch offiziell 1990/93 Gesamtdeutschland nannte, bevor dieses die offizielle Bezeichnung Deutschland annahm.

Verfassungsgeschichte

Die Verfassungsgeschichte Gesamtdeutschlands beginnt in der Zeit der Märzrevolution von 1848/49, infolge derer für den Deutschen Bund, der nun den Namen deutsches Reich tragen sollte, eine gesamtdeutsche Verfassung ausgearbeitet wurde und die von allen Vertretern des deutschen Volkes angenommen wurde.

Nach der Beendigung des I. Weltkrieges war des für die Weimarer Reichsverfassung vorgesehen worden, dass diese nach dem Beitritt deutschösterreichischen Staates auf diesen ausgedehnt und damit gesamtdeutsche Verfassung würde.

Seit dem 3. Oktober 990 stellt das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland die aktuelle verfassungsmäßige Ordnung dar, unter der Gesamtdeutschland nun in der Form des vereinten Deutschlands national wie international agiert.

Chronik

Der Begriff Gesamtdeutschland kam erstmals im März 1848 auf, als innerhalb der großdeutschen Bewegung erörtert wurde, wie die zukünftige staatliche Ordnung der Deutschen auszusehen habe.

Bereits im Mai 1848 wurde auf dem Territorium des Deutschen Bundes durch freie und geheime Wahlen eine Nationalversammlung zusammenkam, das als einziges gesamtdeutsches Parlament in die deutsche Geschichte eingehen sollte. Diese Frankfurter Nationalversammlung war bemüht, die bestehende deutsche Frage für alle Seiten gerecht zu lösen.

Sprachliche Definition, Staats- und Regierungsform

Dem damaligen Sprachnationalismus folgend war es für die Beteiligten klar, dass der neue deutsche Staat im Wesentlichen durch die Sprachgrenze definiert werden würde. Aus historisch-wirtschaftlichen Gründen war man bereit, auch sogenannte Fremdvölkische in Form der Tschechen und der Slowenen miteinzubeziehen.

Die Frage, ob das neue deutsche Reich nun eine demokratische Republik oder eine Monarchie werden sollte, wurde diesbezüglich beantwortet, dass sich die Befürworter der Letzteren hatten durchsetzen können, indem man sich für die Erbmonarchie entschied. Damit wollte man an die Traditionen des Römisch-Deutschen Reiches anknüpfen.

Nicht so einfach wurde die Beantwortung der Frage, welches Herrscherhaus in diesem neuen deutschen Reich regieren sollte: Traditionell wäre diese Rolle dem Haus Habsburg zugefallen, das seine Unterstützer in den mit ihm verbündeten Mittelstaaten und in Süddeutschland hatte. Norddeutschland und die mit Preußen verbündeten Mittelstaaten tendierten zum Haus Hohenzollern.

Habsburger wie Hohenzollern waren darüber hinaus nur bereit dem deutschen Nationalstaat beizutreten, wenn ihre Herrschaftsgebiete gesamtstaatlich einbezogen werden würden. Das bedeutete zum einen, dass Österreich seine slawischen und ungarischen Bevölkerungsanteile mit eingebracht und die ein gewaltiges Minderheitenproblem mit sich gebracht hätten, da Tschechen und Ungarn beispielsweise. selbst in die Autonomie bzw. in die staatliche Unabhängigkeit wollten.

Groß- oder Kleindeutschland?

Innerhalb der deutschen Frage kristallisierten sich nun 1848/49 drei Theorien heraus, die nachfolgend beschrieben werden:

  1. Großösterreichische Idee, welche den Einschluss Gesamtösterreichs in den deutschen Nationalstaat bedeutete.
  2. Großdeutsche Idee, die den Einschluss Deutschösterreichs, Böhmens und der Krain beinhaltete.
  3. Kleindeutsche Idee, die die deutsche Einheit zwar unter großdeutschen Rahmen forcierte, aber gewillt war, bei dessen Scheitern die deutsche Nationalstaatlichkeit auch unter Ausschluss Österreichs zu vollziehen.

Die Paulskirchenverfassung folgte im Wesentlichen dem großdeutschen Prinzip, da sie erklärte, dass sich das Reich aus den Mitgliedsstaaten des Deutschen Bundes zusammensetzte. Ferner erklärte das Paulskirchenparlament, dass die Wohnbevölkerung des Bundes bzw. des Reiches Deutsche seien. Dieses schloss auch die fremdsprachigen Minderheiten im Bundesgebiet ein, da nun „Deutscher war, der in Deutschland geboren wurde.“ Sprache, Religion und Abstammung spielten für die gesamtdeutsche Lösung keine Rolle, da man hier nach dem Territorialprinzip vorging.

Scheitern der großdeutschen Lösung, preußische Einigungsversuche

Verärgert über die Tatsache, dass sich die Nationalversammlung bei der Reorganisation des Deutschen Bundes auf dessen Personen- und Gebietsstand von 1839 bezog, der damit sowohl den staats- und verfassungsrechtichen Ausschluss Ungarns als auch das Scheitern der großösterreichischen Lösung mit sich brachte, zog das Haus Habsburg seine Abgeordneten aus der Nationalversammlung ab. Da sich dieses weigerte, auf die bisherige gesamtstaatliche Gliederung zu verzichten, scheiterte auch mit dem Auszug der Österreicher aus der Nationalversammlung die großdeutsche Lösung.

Die Nationalversammlung wählte am 28. März 1849, nach dem Auszug der Österreicher, den preußischen König Friedrich Wilhelm IV. (1795–1861) zum Kaiser des neuen deutschen Reiches; doch war dessen Wahl nicht einhellig: so stimmten 290 Abgeordnete für ihn, aber 248 enthielten sich ihrer Stimme. Am 31. Mai 1849 löste sich das Paulskirchenparlament auf und es wurde dem Preußenkönig im April den Titel Deutscher Kaiser angetragen. Dieser lehnte jedoch schroff ab, da er sich als Gott erwählter Kaiser sehen wollte.

Bereits am 1.  Februar 1839 wurde auf föderaler Ebene der Deutsche Zollverein gegründet, der nach und nach die regionalen Zollvereine ablöste und sich unter preußischer Hegemonie zur einheitlichen (und kleindeutschen) Zoll- und Wirtschaftsunion geriet. Die politische Südgrenze des Deutschen Zollvereins wurde durch die Mainlinie gebildet. Friedrich Wilhelm IV. von Preußen gelang es auf diese Weise, sein, im Westen auseinander gerissenes, Königreich zu schließen, da er dieses politisch-wirtschaftlich mit den Nachbarstaaten verband.

Indes es nun offensichtlich wurde, dass Preußen begann, Süddeutschland und einen Teil der Mittelstaaten (in denen weiterhin die großdeutsche Idee forciert wurde) politisch-wirtschaftlich auszuschließen und so die kleindeutsche Idee umzusetzen, lehnte der Deutsche Zollverein zweimal Beitrittsgesuche Österreichs schroff ab, die 1848 und 1862 gestellt wurden. Gesamtdeutschland sollte sich in politischer Hinsicht anfänglich nur auf Norddeutschland beschränken.

Ab dem Februar 1848 begann Friedrich Wilhelm IV. von Preußen intensiv, die deutsche Frage im kleindeutschen Rahmen voranzutreiben: Am 29. Mai 1848 verbündete er sich in Erfurt mit den Königreichen Hannover und Sachsen, die zwei der wichtigsten politischen und militärischen Verbündeten Österreichs darstellten. Diesem Dreierbündnis traten in der Folgezeit auch die süddeutschen Staaten Baden und Württemberg hinzu, sodass sich Österreichs Vorherrschaft in Deutschland nur noch auf die Mittelstaaten und Bayern beschränkte.

In der so geschaffenen Deutschen Union waren letztendlich 26 Mitgliedsstaaten des Deutschen Bundes vereinigt und dessen Verfassung orientierte sich eng an die Paulskirchenverfassung. Die so aufgeworfene Österreichfrage gedachte Friedrich Wilhelm IV. von Preußen durch die Bildung eines weiteren Bundes zu lösen, derweil die Deutsche Union einen engeren Bund bilden sollte.[2]

Doch das Österreich durchschaute rasch die preußischen Pläne, die seine Entmachtung in Deutschland bedeutet hätten. Auch Russland legte eine formale Protestnote gegen diese Pläne ein, da es wie Österreich nicht nur eine preußische Vorherrschaft in Deutschland, sondern sich den sogenannten preußischen Imperialismus auf ganz Europa ausdehnen sah.

So protestierte auch der österreichische Staatskanzler Felix Fürst zu Schwarzenberg (1800–1852) energisch und erklärte, dass sich Österreich nicht aus Deutschland hinauswerfen lasse.[3]

Doch im Februar 1850 traten, für Preußen völlig unerwartet, Hannover und Sachsen aus der Union aus und schlossen sich mit Bayern und Württemberg zusammen. Diese bildeten nun mit Österreich zusammen eine antipreußische Militärallianz, die sich gegen das preußische zentralistisch-unitarische Nationalstaatskonzept stellte und anstelle dessen einen Staatenbund forcierte. Die innenpolitische Lage drohte zu eskalieren, als das Königreich Preußen in Kurhessen einmarschierte, um dort aktiv Einfluss auf die dortige Verfassungsfrage zu nehmen und so fast einen Bürgerkrieg auslöste.Darauf hin bereiteten Österreich und Russland einen Vergeltungsschlag gegen Friedrich Wilhelm IV. von Preußen vor.[4]

Der Preußenkönig musste erkennen, dass das österreichisch-russische Militärbündnis ihm überlegen war, und legte nun alle Einigungspläne ad acta. In seiner Ölmützer Proklamation erkannte er zudem alle bestehenden Organe des Deutschen Bundes einschließlich der Vorherrschaft Österreichs in Deutschland an. Die Deutsche Union wurde noch 1850 aufgelöst und es erfolgte bis 1852 die Restauration des Deutschen Bundes, was den Ausschluss der 1848/49 aufgenommenen Provinzen Deutsch-Posen und Preußen bedeutete.

Norddeutscher Bund, Ausschluss Österreichs

Hauptartikel: Norddeutscher Bund

Am 1. August 1866 schlossen sich norddeutsche Staaten innerhalb des Deutschen Zollvereins zu einem preußisch dominierten Militärbündnis zusammen, das sich Norddeutscher Bund nannte. Bereits am 8. April hatte Preußen mit Italien ein Geheimbündnis geschlossen, das — wenn es nun zu einem preußischen Krieg mit Österreich käme — dieses an seinen Südgrenzen angreifen und dort die österreichischen Truppen binden sollte. Doch mit diesem preußisch-italienischen Bündnis hatte Preußen gegen geltendes Bundesgesetz verstoßen, das einen Krieg unter den Mitgliedsstaaten des Deutschen Bundes nicht nur ausschloss, sondern verbot.

Der später als Deutscher Bruderkrieg bezeichnete preußisch-österreichische Krieg entzündete sich letztendlich an der Schleswig-Holstein-Frage: Schleswig-Holstein wurde seit 1864 gemeinschaftlich durch Preußen und Österreich verwaltet. Ihre deutsch-dänische Besonderheit erhielt die Region durch die Tatsache, dass das Herzogtum Holstein deutsches Bundesgebiet und das mehrheitlich von Deutschen bewohnte Herzogtum Schleswig dänisches Staatsgebiet war. Beide Herzogtümer waren seit 1460 über Personalunion miteinander verbunden. Das hatte zur Folge, dass der dänische König auch gleichzeitig deutscher Bundesfürst war.

Im Sommer 1866 brach der Krieg zwischen den beiden deutschen Großmächten aus, indessen Folge Sachsen kampflos von Preußen eingenommen wurde. Zu größeren Gefechten kam es ab dem 26. Juni und bereits am 3. Juli fand die Entscheidungsschlacht bei Königgrätz statt, was das unter österreichisches Kommando stehende Bundesheer vom Norddeutschen Bund entscheidend geschlagen wurde.

Am 16. August 1866 wurde das norddeutsche Militärbündnis in einen realen Föderativstaat reorganisiert, der bereits am 26. August an die Stelle des nun aufgelösten Deutschen Bundes trat. Damit war der erste Schritt der nationalstaatlichen Neuordnung der nationalen Frage der Deutschen unter preußischen Vorzeichen vollzogen worden.

Im Winter 1870/71 traten während des Deutsch-Französischen Krieges die süddeutschen Staaten dem bisherigen Norddeutschen Bund bei, der sich nun Deutscher Bund nannte und am 18. Januar 1871 ;in Deutsches Reich umbenannt wurde. Nicht von der Reichsgründung betroffen waren Luxemburg und Liechtenstein, die seit August 1866 ;souveräne Staaten darstellten. Vor allem aber wurde Deutschösterreich ausgeschlossen, sodass sich die Deutschösterreicher plötzlich in der für sie ungewohnten Lage wiederfanden, nun Grenz- und Auslandsdeutsche zu sein.

Ab den 1880er Jahren wurde es innerhalb Europas immer mehr üblich, das 1871 begründete Deutsche Kaiserreich als Deutschland schlechthin zu bezeichnen, eine Tendenz, die auch von den Reichsdeutschen übernommen wurde. Gesamtdeutschland bedeutete nun, das ganze Deutsche Reich betreffend.

Weimarer Republik, Drittes Reich

Nach dem verlorenen I. Weltkrieg wurde Gesamtdeutschland auf die Weimarer Republik und Deutschösterreich ausgedehnt: Deutschland umfasste damit nominell jene Gebiete, deren Vereinigung bereits 1848/49 gefordert wurde.

Nach den Friedensverträgen von Versailles und Saint-Germain-en-Laye, die ein demokratisches Großdeutschland verhinderten, wurde der Begriff Gesamtdeutschland nun auf das Staatsgebiet des Reiches, Österreichs und Danzigs verwendet, zu dem auch das sogenannte Sudetendeutschland gerechnet wurde.

Damit entstand die deutsche Frage neu, die nun nach dem Selbstbestimmungsrecht der Völker gelöst werden sollte.

Waren bisher nur Liberale und Demokraten für die großdeutsche Idee eingetreten, wurde diese nun von der politischen Rechten in Form der deutschvölkischen Bewegung adoptiert und aggressiv nach außen vertreten. Aber auch die übergeordnete völkische Bewegung schloss sich dieser Definition von Gesamtdeutschland an.

Vor allem für die Deutschvölkischen sollte Gesamtdeutschland rasserein und vor allem von sogenannten undeutschen Elementen gereinigt sein. Dieses betraf vor allem Juden und Zigeuner, aber auch etliche andere nationale Minderheiten.

Zudem ging mit der Politisierung und Radikalisierung der deutschen Frage auch ein politisch motivierter Revanchismus einher, der die 1918/22 entstandenen Reichsgrenzen massiv infrage gestellte: So wurde zwar der Verlust Elsass-Lothringens und Nordschleswigs von der breiten Masse der Reichsdeutschen als verschmerzter betrachtet, doch konnte und wollte sich diese nicht mit dem Verlust Eupen-Malmedys und des nunmehrigen polnischen Korridors nicht abfinden.

Aus der deutschvölkischen Bewegung heraus entstand der Nationalsozialismus, der anfänglich sowohl in einer österreichischen und einer reichsdeutschen Variante bestand. Letztendlich setzte sich Letzterer auch in Österreich durch und diese Ideologie forcierte ebenfalls das rassereine Großdeutschland. Der Führer der NSDAP, Adolf Hitler (1889–1945), argumentierte, dass gleiches Blut in ein gemeinsames Reich gehöre.[5]

So konnte dieser 1935, nun als deutscher Reichskanzler des III. Reiches, die Rückkehr des Saarlandes als seinen ersten außenpolitischen Erfolg verbuchen.

1936 ließ Hitler Truppenverbände der Wehrmacht ins entmilitarisierte Rheinland einmarschieren und unterstellte dieses offiziell der deutschen Wehrhoheit, bevor er 1938 seinen nächsten außenpolitischen Schachzug unternahm und sowohl den Anschluss Österreichs und des Sudetenlandes durchführen konnte.

Hitler erklärte der Weltöffentlichkeit, dass für ihn mit der Angliederung des Sudetenlandes keinerlei offenen Grenzfragen mehr bestünden und für ihn die deutsche Frage als solche für gelöst betrachtet sei.[6]

Als Zeichen seines 1938 gegebenen Versprechens, von nun an Nachbarstaaten keine territorialen Forderungen mehr zu stellen, ließ Hitler im Frühjahr 1939 den alldeutschen Verband auflösen, der als einer der wichtigsten Agitationsverbände der Völkischen galt.<

Doch bereits am 15./16. März 1939 entpuppte sich dessen Versprechen als politische Lüge, da dieser die Deutsche Wehrmacht und bewaffnete SS-Verbände in die sogenannte Rest-Tschechei einmarschieren und diese als Protektorat Böhmen und Mähren in das Reich eingliedern ließ und dieses völkerrechtlich zu einem Reichsnebenland erklärte.

Das NS-Regime zeigte erstmals imperialistische Züge, denn es wurde nun der Weltöffentlichkeit gewahr, dass es diesem nicht allein um die Einheit aller Deutschen, sondern um pure Eroberungspolitik ging. Hitler erklärte, dass die Deutschen ein Volk ohne Raum seien und dass das deutsche Volk seinem natürlichen Wesen entsprechend Lebensraum im Osten benötige. Dieser neue Siedlungsraum der Deutschen ginge vor allem auf Kosten der slawischen Völker und um Großdeutschland zu vollenden, würde er — Hitler — zu gegebener Zeit noch weitere Territorien beanspruchen.

Am 1. September 1939 entzündete sich an der Danzigfrage der II. Weltkrieg, als die Wehrmacht und SS-Verbände die deutsch-polnischen Grenzen überschritten. Bis zum Oktober hatte das Reich alle Gebiete zurückerobert, die ihm 1819/22 durch den Versailler Vertrag entrissen wurden.

Dieses offiziell als wiedererlangte Ostgebiete bezeichnete Territorium wurde dem Reich als Reichsgaue angegliedert und um polnisches Siedlungsgebiet stark vergrößert. Infolge der hitlerischen Heim-ins-Reich-Bewegung wurden dort etwa 900 000 Volksdeutsche an- und rund 1,5 Millionen Polen umgesiedelt.

Ende 1940 fand sich das Deutsche Reich auf dem Zenit seiner Macht: Bereits während des Westfeldzuges waren die Beneluxstaaten von deutschen Truppen überrannt und einer deutschen Zivilverwaltung unterstellt und halb Frankreich militärisch besetzt worden. Als Großdeutsches Reich umfasste Gesamtdeutschland nun 894 227 qkm, von denen etwa 700 000 qkm reines deutsches Sprachgebiet waren. Allein das Aostatal (in Frankreich), Südtirol (Italien), die Deutschschweiz und Liechtenstein sowie Nordschleswig waren keine Bestandteile des Reiches, obgleich Südtirol 1943 zur Operationszone Alpenvorland erklärt und mit dem ehemaligen Welschtirol einer deutschen Militärverwaltung unterstellt wurde.

Doch mit dem Überfall auf die UdSSR begann der politische Abstieg Hitlers, der mit der Schlacht um Stalingrad letztendlich begründet wurde. Zwar träumte der Führer und Reichskanzler bis 1943 von einem ominösen Großgermanischen Reich Deutscher Nation, dass unter der Führung der Allgemeinen- und der Waffen-SS stehen und das auf Basis des Alldeutschland-Projektes begründet werden sollte. Dieses geplante Vorhaben führte das deutsche Bestreben um Gesamtdeutschland ad absurdum.

Nachkriegsdeutschland, heutige Situation

Verfolgt man die zeitgenössische Literatur und die offiziellen Verlautbarungen, dann wird es offensichtlich, dass das Deutsche Reich unter Adolf Hitler den Begriff „Gesamtdeutschland“ möglichst vermied; der offizielle Sprachgebrauch war Großdeutschland und Großdeutsches Reich.

Gesamtdeutschland kam erst wieder nach der bedingungslosen Kapitulation der Deutschen Wehrmacht auf, als das Reich zerschlagenen am Boden lag. Man verwendete ihn, um die weiter bestehende staatliche Einheit des dreigeteilten Deutschlands zu betonen, dass von den Alliierten auf seine Grenzen vom 31. Dezember 1937 reduziert worden war.

Um eine 'vollständig]]e Dismembration des deutschen Nationalstaates herbeizuführen, verhafteten diese am 23. Mai 1945 völkerrechtswidrig die letzte deutsche Reichsregierung (Regierung Dönitz) und teilten das Staatsgebiet unter sich auf. Aufgrund der nun fehlenden staatlichen Organe wurde das Reich unter den Kriegssiegern in Besatzungszonen aufgeteilt und einer zentralen Militärverwaltung unterstellt.

Infolge des nun eintretenden Kalten Krieges kam es zur deutschen Teilung, indem die einstigen Alliierten auf deutschem Territorium zwei unterschiedliche Gesellschaftssysteme etablierten: In der Trizone wurde mit der Bundesrepublik Deutschland eine parlamentarische Demokratie, in der SBZ mit der Deutschen Demokratischen Republik eine sozialistische Volksdemokratie errichtet. Beide Teilstaaten wurden 1955 in die jeweiligen Bündnissysteme (NATO und Warschauer Pakt) integriert und für staatlich teilsouverän (BRD) bzw. für gänzlich souverän (DDR) erklärt.

Bis zum Abschluss der deutschen Ostverträge sah sich die Bundesrepublik aufgrund ihres Alleinvertretungsanspruches als legitimer Vertreter Gesamtdeutschlands, das neben ihr noch die DDR und die Oder-Neiße-Gebiete sowie Großberlin umfasste. Dessen Grenzregelung sollte einem Friedensvertrag vorenthalten bleiben, der zwischen ihm und den Kriegssiegern abgeschlossen werden sollte.

1973 traten beide Teilstaaten der Charta der Vereinten Nationen bei und galten dort gemeinschaftlich als Vertreter Gesamtdeutschlands, dass dort unter dem Namen Germany gelistet war.

Nach 1973 schränkte sich der Gebrauch von Gesamtdeutschland auf bundesdeutscher Seite immer mehr auf das Territorium der Bundesrepublik , der DDR und Berlin ein. Die Oder-Neiße-Gebiete, die nach wie vor unter polnischer und russischer Verwaltung standen, wurden nicht mehr in die deutsche Frage einbezogen; sie blieben aber bis weit in die 1980er Jahre regelmäßiges Wahlkampfthema der Bundesrepublik, um dort Wählerstimmen aus den Reihen der Vertriebenenverbände zu erhalten.

Im Sommer 1990 wurde in Paris zwischen den Vier Mächten und Vertretern beider Teilstaaten die deutsche Einheit verhandelt, die aus dem staatlichen Zusammenschluss der Bundesrepublik, der DDR und Berlin bestehen sollte. In den sogenannte Zwei-plus-Vier-Verträgen verpflichteten sich die Vertreter beider Teilstaaten, dass das nun als vereintes Deutschland titulierte Gesamtdeutschland mit allen Nachbarn Grenzverträge abschließen würde und die alle bestehenden Nachkriegsgrenzen Europas bestätigen würden.

Am 3. Oktober 1990 erfolgte der als deutsche Wiedervereinigung titulierte Zusammenschluss der in den Zwei-plus-Vier-Verträgen genannten Gebiete, die bis 1993 national als Gesamtdeutschland, international jedoch als Deutschland agierte.

Nach 1993 wurden die Begriffe „vereintes Deutschland“ und „Gesamtdeutschland“ offiziell fallengelassen und durch den Begriff „Deutschland“ ersetzt.

Obgleich sich beide Teilstaaten in einem Zusatzabkommen zu den Zwei-plus-Vier-Verträgen verpflichteten, dass das vereinte Deutschland noch einen Friedensvertrag und/oder eine friedensvertragliche Regelung mit den Kriegssiegern treffen würde, wurde von diesen in der Öffentlichkeit verbreitet, man bedürfe dieser nicht, da die Zwei-plus-Vier-Verträge rechtlich eine friedensvertragliche Regelung' darstellen würden. Diese Argumentation erscheint in Bezug auf die Ostgebiete staats- und völkerrechtlich als bedenklich, wurden aber mehrheitlich von bundesdeutschen Staats- und Völkerrechtlern als vollendete Tatsache übernommen.Infolge des Völkergewohnheitsrechtes ist die Abtretung der Oder-Neiße-Gebiete geltendes Recht geworden, zumal die Polen und Russen dort inzwischen ihr Heimatrecht ersessen haben.

Siehe auch

Fußnoten

  1. Österreichisch-Deutscher Volksbund: Das ganze Deutschland soll es sein!, Flugblatt. Quelle: BArch, Plak 002-008-004 / Lange, Friedrich; abgerufen am 22. April 2019.
  2. Immanuel Geiss: Die deutsche Frage 1806–1990, S. 41ff.
  3. Jürgen Millow: Geschichte des deutschen Volkes, S. 569.
  4. Immanuel Geiss: Die deutsche Frage 1806–1990, S. 42.
  5. Whitney R. Harris: Tyrannen vor Gericht: das Verfahren gegen die deutschen Hauptkriegsverbrecher nach dem Zweiten Weltkrieg in Nürnberg 1945–1946., S. 38, Googlebooks, abgerufen am: 31. Juli 2016.
  6. Hartmut Singbartl: Die Durchführung der deutsch-tschechoslowakischen Grenzregelung von 1938 in völkerrechtlicher und staatsrechtlicher Sicht., S. 59, Googlebooks, abgerufen am: 31. Juli 2016.
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