Nationale Frage der Deutschen, auch Deutsche Frage oder Deutschlandfrage, Geopolitik, Ethnografie, Verfassungsrecht, Soziologie. Historischer Oberbegriff für die zwischen dem 8. August 1806 und dem 18. Januar 1871 bestehende nationale Frage, wie die volkliche Organisation der Deutschen innerhalb Europas vonstattengehen sollte.

Mit der Auflösung des römisch-deutschen Reiches (1806) gliederte sich die Deutschlandfrage der damaligen Zeit in zwei Teilbereiche: Zum einen betraf es die Deutschen als solches, die überstaatlich auf mehrere Flächenstaaten verteilt lebten und nur sprachlich-kulturell miteinander verbunden waren. Zum anderen waren die übrigen Staaten Europas nicht gewillt, eine mögliche deutsche Hegemonie auf dem Kontinent zu dulden, die durch deren staatlichen Vereinigung entstanden wäre. Aus diesem Kontext heraus ist es zu verstehen, warum die Gründung des Deutschen Reiches (1871) infolge eines Krieges heraus geschah.

Die nationale Frage der Deutschen stellte sich im Oktober 1918 neu, als Österreich-Ungarn gegen Ende des I. Weltkrieges (1914–1918) in mehrere Staaten zerfiel, indessen Folge sich die geschlossenen deutschen Siedlungsgebiete in Österreich dem Deutschen Reich anschlossen. Der Anschluss Österreichs wurde aber international nicht anerkannt, sodass die nationale Frage der Deutschen in Form der österreichischen und der sudetendeutschen Frage sowie mit der Danzigfrage weiter bestand. Bis 1938 waren Erstere durch Adolf Hitler (1889–1945) im großdeutschen Sinn gelöst worden, wobei sich dieser stets auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker berufen konnte.

Nach dem II. Weltkrieg (1939–1945) erstand die Deutsche Frage in ihrer letzten Ausprägung, die zwischen 1945/49 bis 1990 andauerte und sich darum drehte, inwiefern das handlungsfähige Deutschland in den Grenzen vom 31. Dezember 1937 wieder zu einem Gesamtdeutschland zu reorganisieren sei, da es seit dem August 1945 in mehrere Besatzungszonen und ab 1949 in zwei Teilstaaten gegliedert war.

Kennzeichen

Die nationale Frage der Deutschen warf nach ihrer Entstehung (1806) mehrere Fragen auf, die zum überwiegenden Teil konträr zueinanderstanden:

Vor den Befreiungskriegen 1813–1815 forderte die deutsche Bildungselite noch die Wiedererrichtung des römisch-deutschen Reiches samt deren universelle Reichsidee. Mit der Annexion weiter Teile Deutschlands durch das napoleonische Frankreich entstanden unabhängig voneinander verschiedene deutschnationale Bewegungen in Deutschland, die sich teilweise als Turnvereine (Deutscher Turnerbund) getarnt hatten.

Im Verlauf der Europäischen Befreiungskriegen wurde die staatliche Herstellung Deutschland nun auch von sozial niedrigeren Schichten getragen. Dabei kristallisierte sich innerhalb dieser nationalen Frage der Deutschen heraus, dass innerhalb des deutschen Volkes zwei konträre Gegenpositionen bestanden: Der Adel und die führende Elite des Volkes forcierten die Adelsnation, indes der Mittelstand und die unteren Schichten die Volksnation forderten. Zudem stand innerhalb der nationalen Frage der Deutschen die Frage im Raum, wie das zukünftige Deutschland staatlich zu organisieren sei? Unitarisch-zentralistisch, also als moderner National- und Zentralstaat französischer Prägung oder aber fürstenbündisch als loser Staatenbund? Sollte der deutsche Staat republikanisch oder monarchistisch sein? Diese Fragen galt es zu klären.

1848/49 wurde eine deutsche Nationalversammlung ins Leben gerufen, wo sich „Linke“ (Liberale, Demokraten) und „Rechte“ (Konservative) gegenüber standen: Die radikale Linke in Form der Demokraten forderten mit Einsatz revolutionärer Mittel das Endziel, dass der deutsche Nationalstaat eine Präsidialrepublik würde. Ihnen standen die Liberalen gegenüber, die als gemäßigte Linke durch Reformen eine konstitutionelle Monarchie anstrebten. Ihr gemeinsamer Gegner waren die Konservativen, die als politische Rechte für den Erhalt des Status quo einsetzen.

Verbunden war die nationale Frage zudem mit anderen ethnonationalistischen Fragen ihrer Zeit. So auch mit der Schleswig-Holstein-Frage oder der Polenfrage in Posen sowie der italienischen Frage in Welschtirol. Auch hier waren die Linken und Rechten unterschiedlicher Auffassung: Gemeinsames Ziel aller Parteien in der Nationalversammlung war es, alle Deutschen, die im Gebiet des Deutschen Bundes lebten, nationalstaatlich zu vereinen. Die Deutschnationale Partei war eine strikte Vertreterin der demokratischen Richtung und forderte, dass alle Nationalstaaten Europas sich an dem Nationalstaatsprinzip ausrichteten. Die nationalantagonistische Richtung ging ihrerseits davon aus, dass sich per se alle Völker feindlich gegenüber stünden und dass die nationale Selbstbestimmung nur durch revolutionäre Bestrebungen zu erreichen sei. Dieser Richtung gehörte die vor allem die Polenpartei in Preußisch-Schlesien und in Österreichisch-Schlesien an, die sich ebenfalls den Deutschnationalen angeschlossen hatte, um ihre Ziele zu erreichen. Die Mehrheit der Abgeordneten standen den nationalen Bestrebungen anderer Völker innerhalb des Bundesgebietes ablehnend bis feindlich gegenüber. Letztendlich sollte das aus der Nationalversammlung hervorgegangene Parlament lediglich nur darüber entscheiden, ob der neue deutsche Nationalstaat groß- oder kleindeutsch sein würde. Letzteres setzte sich 1870/71 durch, als das Deutsche Reich gegründet wurde und Millionen Deutscher außen vor ließ.

Nach dem verlorenen Weltkrieg (1914–1918) ging es innerhalb der nationalen Frage der Deutschen darum, inwieweit sich das nationale Selbstbestimmungsrecht der Völker im Bezug auf die Deutschen anwenden ließ: Sudeten- und Alpendeutsche hatten Oktober/November 1918 erklärt, dass sie die Republik Deutschösterreich bildeten und, dass diese ein Teil der deutschen Republik sei. Im Deutschen Reich selbst ging es darum, im Osten die alte Reichsgrenze von 1871 wieder herzustellen.

Die nationalsozialistische Gewaltherrschaft (1933–1945) definierte die nationale Frage der Deutschen neu: Es sollte nicht nur Großdeutschland als Zusammenschluss des Reiches mit Österreich, dem Sudetenland und Danzig gebildet werden. Sondern auch der polnische Korridor gehöre beseitigt, um Ostpreußen wieder mit dem restlichen Deutschland zu verbinden. Darüber hinaus würde das deutsche Volk Kolonien benötigen, die vor allem auf Kosten der slawischen Völker errichtet werden sollten.

Zwischen 1945/49 und 1990 entstand die nationale Frage der Deutschen in ihrer letzten Ausprägung, in der es darum ging, wie Deutschland in den Grenzen vom 31. Dezember 1937 wiederherzustellen sei: Als parlamentarisch-demokratischer Bundesstaat oder als volksdemokratischer Einheitsstaat? Darüber hinaus war der Rechtsstatus der Oder-Neiße-Gebiete seit 1950 umstritten. Die im Mai 1949 gegründete Bundesrepublik Deutschland ging bis 1990 offiziell davon aus, dass diese de jure zum deutschen Gebietsstand gehöre und de facto aber seit Abschluss der deutschen Ostverträge (1970–1973) polnisches Staatsgebiet, und damit Ausland, darstelle. Aber nur ein Friedensvertrag zwischen den Alliierten und einer gesamtdeutschen Regierung könne über deutschen Grenzen entscheiden. Derweil ging die im Oktober 1949 gegründete DDR seit 1950 davon aus, dass die Oder-Neiße-Linie deutsch-polnische Grenze sei, und dass eine deutsche Wiedervereinigung nur das Territorium von BRD, DDR und Großberlin umfassen könne. Beide deutschen Teilstaaten gingen nie davon aus, dass Österreich oder das Sudetenland deutsches Staatsgebiet sei, da explizit vom Gebietsstand des Dezembers 1937 ausgegangen wurde.

Chronik

1806–1866

Die eigentliche nationale Frage der Deutschen entstand am 8. August 1806, als der letzte römisch-deutsche Kaiser Franz II. von Habsburg-Lothringen (1786–1835; reg. 1792–1806) die Deutschen Reichsstände von ihrem Eid ihm gegenüber entband und damit de facto das römisch-deutsche Reich erlosch.

1806–1813/15 war die Mehrheit der Deutschen Europas politisch im Deutschen Rheinbund vereint, der nach den Europäischen Befreiungskriegen dem Deutschen Bund (1815–1866) wich, einem losen Staatenbund der Fürsten  („ewiger Fürstenbund“) und der Freien Reichsstädte.

Die Gründung des Deutschen Bundes war das Ergebnis des Wiener Kongresses und galt als Kompromisslösung der europäischen Großmächte.

Bei den Deutschen war dieser jedoch ungeliebt, wollten diese doch ursprünglich einen starken zentralistisch-unitarischen deutschen Nationalstaat nach französischem Vorbild. So entstand auch bei den Deutschen ab 1830 eine nationaldemokratische Bewegung, die den liberalen, parlamentarisch-demokratischen Verfassungsstaat forderte. (→ Hambacher Fest)

Im Zuge der Märzrevolution von 1848/49 kam auch innerhalb der nationalen Frage der Deutschen drei mögliche Lösungsansätze auf, die im Frankfurter Paulskirchenparlament diskutiert wurden:

  1. kleindeutsche Lösung,
  2. großdeutsche Lösung und
  3. großösterreichische Lösung.[1]

Die damalige nationale Frage der Deutschen begründete sich auf dem ethnischen Nationalismus und war eng mit der Schleswig-Holstein-Frage und der Polnischen Frage verknüpft. So erhob die Deutsche Nationalversammlung in Frankfurt auch Gebietsansprüche auf fremdsprachige Siedlungsgebiete.[2]

So war beispielsweise das seit 1839 zum Deutschen Bund gehörende Niederländisch-Limburg („Deutschlimburg“) Teil der damaligen Flämischen Frage. So sah der flämische Nationalismus dieses als Teil einer großniederländischen Idee und dessen Bevölkerung als Teil der Dietschen Volksgemeinschaft. Zum anderen erhob der Bund auch historisch und wirtschaftlich begründete Ansprüche auf Böhmen-Mähren und auf die ehemalige Reichsunmittelbare Stadt Triest, sodass hier die nationale Frage der Deutschen auch mit der nationalen Frage der Tschechen und der Italiener verknüpft war.

1848–1850/52 war das Paulskirchenparlament bereit, aus dem Bundesgebiet im Personen- und Gebietsstand von 1839 einen großdeutschen Nationalstaat zu formen, der „deutschen Reich“ heißen sollte.

Das scheiterte jedoch am Unwillen des österreichen Herrscherhauses, auf seine nichtdeutschen Gebiete zu verzichten, indes Preußen darauf bestand, dass es als Gesamtstaat dem neuen Reich angehören sollte. Letzteres setzte durch, dass zumindest Deutsch-Posen und die Provinz Preußen zweitweise in den Deutschen Bund aufgenommen wurden. (→ Österreichische Frage, Preußische Frage)

Dabei wurden innerhalb des Parlamentes die verschiedenen Konzepte kontrovers diskutiert. Auch die Abgeordneten des streng römisch-katholischen Abgeordneten Österreichs hatten große Hoffnungen in dieses Parlament gelegt. Doch sie wurden dahingehend enttäuscht, dass dieses im Oktober 1848 beschloss, die österreichische Monarchie staatsrechtlich in zwei Teile zu zerstückeln: So sollte aus dieser a.) ein reichsangehöriger deutscher Teil und b.) ein reichsfremder nichtdeutscher Gebietsteil gebildet werden, die beide über Personalunion verbunden gewesen wären. Dennoch beschloss die überwiegende Mehrheit der im Paulskirchenparlament versammelten Abgeordneten (einschließlich der österreichischen) am 27. Oktober 1848 die Verwirklichung dieses Verfassungsentwurfes. Das Haus Habsburg ließ am 27. November gleichen Jahres dem Parlament über dessen Ministerpräsidenten Felix Fürst zu Schwarzenberg (1800–1852) ausrichten, dass es nicht gewillt sei, auf seine gesamtstaatlichen Strukturen zu verzichten, da „Oesterreich's Fortbestand in staatlicher Einheit […] ein deutsches wie europäisches Bedürfniß“ sei.[3]

Die geplante großdeutsche Lösung lehnten aber auch viele kirchentreue Katholiken vehement ab, da diese Deutschland nicht einige, sondern zersplittern würde. Die Zeitung Mainzer Journal wies alle „Alternativlösungen“ (großdeutsche oder kleindeutsche Lösung) der österreichischen Frage, die im Frankfurter Verfassungsentwurfes aufgezeigt wurden, ebenfalls zurück, weil beide Konzepte nicht ein deutsches Reich wiederherstellen, sondern Deutschland schwächen, da dieses verkleinert würde. Stattdessen trat die Zeitung für die großösterreichische Idee ein, die den Eintritt Gesamtösterreichs in den neuen Nationalstaat und die Einsetzung des österreichischen Kaisers an dessen Spitze forcierte. Dadurch würde „Deutschlands Größe, Einheit und Freiheit“ erst möglich, denn es könne dadurch zum reichsten und mächtigsten Land Europas werden.[3]

Dieses Großraumkonzept rief die Großmächte Großbritannien, Frankreich und Russland auf den Plan, die ein solches deutsch dominiertes Reich dieser Größe nicht dulden wollten, was die in Stuttgart erscheinende katholische Zeitung Deutsches Volksblatt zur Antwort bewog, dass „siebenzig Millionen (…) wohl Furcht erregen, aber nicht Furcht empfinden“ könnten. Aus der Verbindung Österreichs mit Deutschland entstünde eine große und bedeutende Nation wie im Mittelalter.[3]

Beide Zeitungen, Mainzer Journal (das Organ der mittelrheinischen katholischen Bewegung) und Deutsches Volksblatt, galten zu ihrer Zeit als strenge Verfechter der großösterreichischen Lösung. Als die liberale Fraktion des Paulskirchenparlamentes am 18. Januar 1849 darauf hinwiesen, die europäischen Großmächte würden einem Deutschland in den Grenzen der Großösterreichlösung nie und nimmer zustimmen, konterten dessen Vertreter, bei dessen Verwirklichung bräuchte Deutschland nie wieder die Großmächte um Erlaubnis fragen, denn selbst Großbritannien würde sich nie zumuten, auf Irland oder Ostindien zu verzichten.[3]

Es ist auffallend, dass diese großösterreichische Idee vor allem in den mit Österreich verbündeten katholischen Bundesstaaten vorherrschte. Doch es gab auch andere Stimmen. So übernahm das Mainzer Journal einen Artikel aus der ebenfalls katholisch geprägten Allgemeinen Zeitung, der sich mit der großdeutschen Lösung im Sinne der Paulskirche auseinandersetzte: So solle Österreichs Eintritt mit all seinen deutschen Provinzen ins deutsche Reich erfolgen; Diese sollten über ein „Schutz-und-Trutzbündnis“ (Zollvertrag und gegenseitige Verteidigungsgarantie) mit den nichtdeutschen Ländern verbunden werden. Ähnlich äußerte sich die in Köln erscheinende Rheinische Volkshalle: Ein Verlust für Deutschland sei, wenn es Österreich gänzlich verlöre, eine staatliche Teilung der Habsburgermonarchie sei daher die einzige Lösung zur deutschen Einheit. Eine deutsche Einheit ohne Österreich geriete so zum „Selbstmord“ der „deutsche[n] Nation“, denn ein Deutschland ohne Österreich würde so ein „Spott von Freund und Feind“, das durch Parteien und Bürgerkrieg zerrissen zur Beute fremder Mächte würde.[3]

Es ist auffallend, dass die Autoren der Rheinischen Volkshalle zum Teil beide Positionen (großdeutsch und großösterreichisch) vertraten. Als Heinrich von Gagern (1799–1880) seinen Doppelbund-Plan bekannt gab, berichteten Teile der vorgenannten Zeitung positiv darüber, indes das Mainzer Journal nicht auf diesen Plan einging. Erst im Februar 1849 ging dieses katholische Blatt darauf ein und bezeichnete das Gagernsche Vorhaben als „gewiß ganz gut“, aber allein „nicht ausführbar“. Sechs Monate später benannte es dieses als „wahrhaft jämmerlich“. Das Mainzer Journal warf dem Paulskirchenparlament vor, warum es nicht die deutschen Stämme in der Schweiz und im Elsass berücksichte, wenn es diesem Parlament um „Nationalität“ und „historischen Recht“ ginge. Es postulierte weiter, dass nationale Prinzip könne in einem multinationalen Staat wie Österreich nicht als das „alleinberechtigste“ gelten.[3]

Die römisch-katholischen Abgeordneten vertraten innerhalb der österreichischen Frage diverse Einstellungen, Minimaleinigkeit bestand unter ihnen in der möglichst engen Verbindung Österreichs und Deutschlands. Dass im Zuge einer solchen Verbindung auch die nichtdeutschen Völker Österreichs mit eingeschlossen waren, störte diese Kreise nicht wirklich. Die Mehrheit des Paulskirchenparlamentes sah dieses jedoch anders,[3] da sie vom Nationalstaatsprinzip und vom Gebietsstand von 1839 ausging.

1864 kam es zum Ersten der Deutschen Einigungskriege, dem Deutsch-Dänischen Krieg, als eine österreichisch-preußische Koalitionsarmee die dänischen Besitztümer Schleswig, Holstein und Sachsen-Lauenburg militärisch besetzen und dort eine Militärverwaltung etablierten. Als Preußen jedoch begann, seine Verwaltungsgebiete als Provinzen zu behandeln, kam es 1866, kurz nach der Gründung des Norddeutschen Bundes, zum Preußisch-Österreichischen Krieg, an dessen Ende die Auflösung des Deutschen Bundes stand. Dieser Krieg zwischen den beiden deutschen Großmächten begründete auch die spätere kleindeutsche Lösung der nationalen Frage der Deutschen.

1866–1918

Nach dem Ende des Deutschen Bundes wurde Österreich in die Doppelmonarchie reorganisiert und der Versuch, Süddeutschland in einen sogenannten Süddeutschen Bund, der analog zum Norddeutschen Bund agieren sollte, scheiterte.

Nach der Gründung des Deutschen Reiches (1870/71) waren Liechtenstein und Luxemburg, aber vor allem die Österreichische Reichshälfte („Deutschösterreich“) von der nationalstaatlichen Lösung der Deutschen ausgeschlossen worden. Aus diesem Grunde entstand vor dort eine deutschnationale Bewegung, die anfänglich den Beitritt ihrer Siedlungsgebiete zum Deutschen Reich zum Ziel hatte.

1875 kamen in Deutschösterreich die Völkischen auf, die rasch auch auf das Reichsgebiet übergriffen. Ab 1882 radikalisierten die Deutschnationalen Österreichs, als dort von den Rasseantisemiten unter Georg von Schönerer (1842–1921) die alldeutsche Bewegung gegründet wurde. Aus den Alldeutschen gingen um 1899/1900 die Deutschvölkischen hervor, die die Deutschen über deren Blut bestimmen und damit Juden und Zigeuner aus der sogenannten Deutschen Volksgemeinschaft ausschließen wollten. Während des I. Weltkrieges nahmen die alldeutschen Pläne pangermanistische Züge an.

So forderte beispielsweise der alldeutsche Verband des Deutschen Reiches, dass die kleindeutsche Lösung von 1871 nicht das Ende der nationalen Frage der Deutschen angesehen werden dürfe, sondern als Beginn der großdeutschen Lösung. Ihrer Satzung nach waren die reichsdeutschen Alldeutschen für die Stärkung des deutschen Nationalbewusstseins sowie zur Förderung des Auslandsdeutschtums. Und genau damit gerieten Grenz- und Volksdeutsche in den Fokus der Alldeutschen. Man erhob von deren Seite Ansprüche auf das niederländische Sprachgebiet sowie auf die Schweiz, da diese 1648 widerrechtlich dem damaligen Reich entrissen worden seien. Ziel war die Schaffung eines deutschbeherrschten Europas.

1918–1945/49

Das nahe Ende des I. Weltkrieges brachte am 12. November 1918 einen großdeutschen Nationalstaat hervor, dessen Manko es war, dass er nur auf dem Papier bestand und international nicht anerkannt wurde.

Die Friedensverträge von Versailles und Saint-Germain-en-Laye zementierten die nationale Frage der Deutschen, die nach damaliger Auffassung in den „zwei deutschen Staaten“ Deutsches Reich und Österreich lebten. Danzig galt als Sonderfall, da es als Freistaat unter Völkerbundsverwaltung stand.

1920 griffen im Deutschen Reich die Nationalsozialisten die nationale Frage der Deutschen auf und forderten bereits in ihrem 25-Punkte-Programm Großdeutschland. Auch die meisten österreichischen Parteien hatten de jure den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich zum Ziel. Davon nahmen sie aber seit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft Abstand, allein die NSDAP in Österreich vertrat diesen aggressiv nach außen.

1935 gelang es den Nationalsozialisten die Saarfrage zu ihren Gunsten zu lösen, als das Saargebiet nach fünfzehnjähriger Völkerbundsverwaltung in das Deutsche Reich angegliedert wurde, nachdem sich die Saarländer bei einer Volksabstimmung für den Anschluss entschieden hatten.

Im März und Oktober 1938 fanden die Anschlüsse Österreichs und des Sudetenlandes statt. Adolf Hitler, Führer der NSDAP und deutscher Reichskanzler, erklärte auf der Münchner Konferenz (September 1938), dass für ihn mit dem Anschluss des Sudetenlandes alle territorialen Ansprüche des Deutschen Reiches erloschen sein würden. (→ Großdeutsches Reich)

Dennoch marschierte im März 1939 die Deutsche Wehrmacht in die sogenannte Resttschechei ein und errichtete dort das Reichsprotektorat Böhmen und Mähren. Diese Annexion stand im völligen Widerspruch mit dem Selbstbestimmungsrecht der Völker, das die NSDAP zuvor immer als Anschlussgrund angeführt hatte. 1939 wurde nach einem deutsch-litauischen Staatsvertrag das Memelgebiet an Ostpreußen angegliedert und am 1. September 1939 erklärte Danzig seinen Anschluss an das Reich.

Auf seinem Zenit umfasste das Großdeutsche Reich rund 840 000 qkm, wovon rund 700 000 qkm auf rein deutsche Sprach- und Siedlungsgebiete entfielen. Allein die Deutschschweiz und Liechtenstein gehörten nicht dem deutschen Machtbereich an.

1945/49–1990

Mit der bedingungslosen Kapitulation der Deutschen Wehrmacht (7./8. Mai 1945) stellte sich die nationale Frage der Deutschen neu. Mit der völkerrechtswidrigen Verhaftung der letzten Deutschen Reichsregierung (Regierung Dönitz) übernahmen die Alliierten die absolute Kontrolle über das Deutsche Reich. Alle territorialen Erweiterungen, die nach dem 31. Dezember 1937 stattgefunden hatten, wurden von ihnen als nichtig betrachtet. Deutschland sei nur noch in den Grenzen von Ende 1937 existent. (→ Altreich, Deutschland als Ganzes)

Die Deutsche Frage bestand nun darin, wie die Deutschen als solches staatlich organisiert werden würden. Die Westmächte forcierten ein kapitalistisches, die UdSSR ein volksdemokratisches System. Der Kalte Krieg zwischen den Vier Mächten (ab 1948) zementierte die Deutsche Teilung und eine Deutsche Wiedervereinigung schien in weiter Ferne gerückt. Zudem war die völkerrechtliche Lage Deutschlands nach dem 23. Mai 1945 unklar: War das Deutsche Reich untergegangen oder nicht und gehörten die Oder-Neiße-Gebiete noch zu Deutschland oder waren sie bereits polnisches und russisches Territorium?

1949 kam es zur Etablierung zweier Staatskonstrukte, die jeweils unter dem Protegé der Siegermächte standen: In der Trizone entstand die Bundesrepublik Deutschland, in der SBZ die Deutsche Demokratische Republik. Beide Teilstaaten gingen anfänglich davon aus, dass sie allein das Deutsche Reich vertraten. Aus diesem Grunde schloss die DDR mit Polen den Görlitzer Vertrag ab, der die Oder-Neiße-Linie zur deutschen Ostgrenze erklärte. Dagegen protestierte die Bundesregierung: Die Neureglung der deutschen Grenzen sei, gemäß Potsdamer Konferenz (1945), einzig und allein einem Friedensvertrag zwischen einer gesamtdeutschen Regierung und den Vier Mächten vorenthalten.

Mit dem Abschluss der Deutschen Ostverträge (1970/73) und dem Beitritt der zwei deutschen Staaten zur Charta der Vereinten Nationen beschränkte sich die nationale Frage der Deutschen de facto nur noch auf die Staatsgebiete der beiden Staaten und auf das Gebiet Großberlin. Die Oder-Neiße-Gebiete wurden nicht mehr in eine mögliche Wiedervereinigung mit einbezogen.

1989–1992 kam es zum Zusammenbruch des Ostblocks: 1989 fanden die Montagsdemonstrationen in der DDR statt, wo anfänglich nur die politische Reformation der DDR gefordert wurde. Doch schließlich wurde dort der Wunsch nach der Wiedervereinigung gefordert. (→ Wir sind das Volk!, Wir sind ein Volk!)

Die Bundesregierung unter dem CDU-Kanzler Helmut Kohl (1930–2017) erklärte noch im Sommer 1989, dass die Deutsche Wiedervereinigung nicht auf der politischen Tagesordnung stünde. In Frankfurt am Main schloss sich 1990 die extreme Linke zur antinationalen und antideutschen Bewegung zusammen, wo sie gegen die Wiedervereinigung demonstrierte. (→ Nie wieder Deutschland!)

Im Sommer 1990 fanden in der französischen Hauptstadt Paris die Zwei-plus-Vier-Gespräche statt, an deren Ende eine abschließende Regelung bezüglich Deutschland als Ganzes getroffen wurde und die offene Deutsche Frage einvernehmlich gelöst: Die DDR würde am 3. Oktober 1990 dem Geltungsbereich des Grundgesetzes beitreten und das so entstandene Völkerrechtssubjekt Vereintes Deutschland mit dem Deutschen Reich subjektidentisch sein. Deutschland würde sich verpflichten, mit Polen und der Tschechoslowakei Grenzverträge abzuschließen, in denen die seit 1945 bestehenden Grenzen zwischen ihnen völkerrechtlich bestätigt würden. Dafür würde Großberlin Teil Deutschlands.

1990–heute

Die nationale Frage der Deutschen gilt seit Abschluss des Zwei-plus-Vier-Vertrages als gelöst. Dennoch argumentieren Teile der politischen Rechten sowie der Reichsbürgerbewegung, dass die Deutsche Frage weiterhin offen sei, da der Vertrag zwischen den beiden deutschen Staaten und den Vier Mächten keinen Friedensvertrag darstellen würde.

Extreme Kreise fordern nicht nur ein Deutschland in den Grenzen vom 31. Dezember 1937, sondern ein Deutschland in den Grenzen vom 12. November 1918. Darüber hinaus sollten nach deren Willen auch die „deutschen StaatenLuxemburg und Liechtenstein sowie die Deutschschweiz angeschlossen werden.

Siehe auch

Literatur

  • Helmut Berschin: Deutschland – ein Name im Wandel. Die deutsche Frage im Spiegel der Sprache, Analysen und Perspektiven „Geschichte und Staat“ (Sonderreihe Band 1), Günter Olzog Verlag München – Wien 1979, ISBN 3-7892-7180-2
  • Dieter Blumenwitz: Denk ich an Deutschland. Antworten auf die Deutsche Frage, 2 Bände, Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit 1989, A86
  • Alexander Demandt: Deutschlands Grenzen in der Geschichte, Verlag C. H. Beck München 1990, ISBN 3-406-34391-0
  • Imanuel Geiss: Die deutsche Frage 1806–1990, Meyers Forum, B. I. Taschenbuchverlag Mannheim – Leipzig – Wien – Zürich 1992, ISBN 3-411-10151-2

Fußnoten

  1. Immanuel Geiß: Die deutsche Frage 1806–1990, S. 37–38.
  2. Imanuel Geiss: Die deutsche Frage 1806–1990, S. 39.
  3. 3,0 3,1 3,2 3,3 3,4 3,5 3,6 Phil-young Kim: Ein deutsches Reich auf katholischem Fundament, S. 82–85.
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