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Nationalstaat [nat͡si̯oˈnaːlˌʃtaːt] sg., auch Volksstaat (selten), Substantiv, Maskulinum, geopolitisch, völkerrechtlich, staatsrechtlich, verfassungsrechtlich, ethnografisch, soziologisch. Seit dem 19. Jahrhundert ein politisches Schlagwort und Kampfbegriff, unter dem die Auflösung aller Nationalitätenstaaten gefordert und die Neuordnung Europas unter dem Gesichtspunkt des sogenannten Nationalstaatsprinzips propagandistisch vorangetrieben wurde.

In den 1950er und 1960er Jahren gelangte der Begriff auch in die Kolonialgebiete Frankreichs und Großbritanniens, wo er massiv in den dortigen Befreiungsnationalismus integriert wurde. In dessen Folge wurden sowohl Frankreich und Großbritanniens Kolonialreiche aufgelöst und durch die Communauté française „Französische Gemeinschaft“ und durch den [British] Commonwealth of Nations „[Britische] Völkergemeinschaft“ ersetzt.

Im Wesentlichen stellt ein Staat, dessen Bürger Angehörige einer Nation sind. Im Idealfall stimmt die Staatsgrenze eines Nationalstaates mit der jeweiligen Sprachgrenze einer Sprach- und Kulturnation überein, sodass er auch vielfach als Volksstaat begriffen wird. In Norwegen, Schweden, Dänemark und Island, also den nordskandinavischen Staaten, stimmen Sprachgebiet und Staatsnation traditionell überein, da diese nur über wenige ethnische Minderheiten verfügen.Sie sind also klassische, sogenannte echte Nationalstaaten.

Der Übernationalstaat weist dagegen zwar mehrheitlich eine homogene Staatsnation auf, beinhaltet in sich jedoch zahlreiche, mit unter große, ethnische Minderheiten. Ihm gegenüber steht der sogenannte Unternationalstaat, der nur einen Teil einer einheitlich aufgefassten Sprach- und Kulturnation in sich beinhaltet.

Eine Mittelstellung zwischen beiden nimmt seit 1870/71 Deutschland ein, das sowohl in seiner Zeit als Deutsches Reich (1870–1945) als auch in der Zeit der deutschen Teilung (1945–1990) sowohl einen Über- als auch einen Unternationalstaat darstellte: Kern- und Staatsvolk waren stets Deutsche, als nationale Minderheiten wies er Friesen, Dänen und Sorben, als ethnische Minderheiten Zigeuner, Spanier, Franzosen, Italiener, Serbokroaten oder Türken auf.

In Nationalstaaten mit kleineren und/oder größeren ethnischen und nationalen Minderheiten besteht die Gefahr einer staatlich forcierten Assimilationspolitik, die sich zum Teil oder überwiegend durch chauvinistische Tendenzen auszeichnet. Ziel ist es, die Staats- mit der Sprachgrenze in Einklang zu bringen.

Siehe auch

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