Oder-Neiße-Gebiete pl., deutsche Ostgebiete, Ostdeutschland (ugs.), Sammelbezeichnung. Seit Juli 1945 Bezeichnung jener Gebietsteile Deutschlands, die von der UdSSR von ihrer, ihr im Londoner Protokoll vom 2. September 1944 zugesicherten, Besatzungszone einseitig und ohne Rücksprache mit den Westmächten abgetrennt und überwiegend einer polnischen Auftragsverwaltung überstellt wurden.

Polen überstellte ihren Anteil dem 1945 gegründeten Sonderministerium für die wiedergewonnenen Gebiete; Anfang 1949 löste Polen dieses Ministerium auf und gliederte seinen Anteil an den Oder-Neiße-Gebieten staatsrechtlich in seinen Gebietsstand ein, sodass es dort nun nicht nur das Hoheitsrecht innehatte, sondern in diesen de facto auch die Gebietshoheit ausübte.

Die UdSSR hatte bereits Anfang 1947 das von ihr beanspruchte Gebiet („eisfreier Hafen Königsberg samt Umland“) annektiert und der RFSSR angegliedert.

Polen argumentierte seinerzeit, dieses von ihm verwaltete Gebiet sei im Laufe der Jahrhunderte nur „oberflächig germanisiert“ worden und die autochthone Bevölkerung bestünde überwiegend aus Polen.[1] Dieses kann jedoch aus heutiger Sicht in den Bereich der Propagandalügen verwiesen werden, da die Bevölkerung dort (1939) nahezu vollkommen deutsch gewesen war.

Das Gros der deutschen Bevölkerung wurde 1945–50 aus diesen Gebieten vertrieben.

Das Gebiet der ehemaligen Freien Stadt Danzig, das Gebiet des Memelandes und das Sudetenland gelten nicht als Teil der Oder-Neiße-Gebiete, da deren Gebietsstand explizit am Gebietsstand vom 31. Dezember 1937 gebunden sind.

Etymologie

Die Bezeichnung Oder-Neiße-Gebiete leitet sich von der geografischen Lage dieser Gebiete ab, die sich östlich der Oder und der Lausitzer Neiße befinden.

Synonyme

Geografische Lage und Landesnatur

Geografisch nehmen die Oder-Neiße-Gebiete folgende Lage ein: 52° 8' 49" N, 21° 9' 0" E. Den Nordwesten macht der Pommersche und der Nordosten der Preußische Landrücken aus, die beide den östlichen Ausläufer des Norddeutschen Tieflandes ausmachen. Zudem haben Pommern und Ostpreußen Anteile an der Ostsee.

Ostbrandenburg stellte die östliche Fortsetzung der dortigen Landschaft dar, die geografisch als (Brandenburgische) Neumark bezeichnet wurde. Es stellt die Übergangsregion zwischen dem Norddeutschen Tiefland und der deutschen Mittelgebirgslandschaft dar und bildet den Westen der Oder-Neiße-Gebiete.

Schlesien macht den Südwesten und -osten der Oder-Neiße-Gebiete aus und hat Anteil an der Lausitz und der Südposener Ebene. Die zentrale Position in Schlesien nimmt jedoch die Mittelschlesische Ackerebene ein, in deren Zentrum die alte Provinzhauptstadt Breslau, das heutige Wrocław, liegt. Den Süden Schlesiens machen die Grenzgebirge zum böhmisch-mährischen Kessel aus, die vor allem durch Riesen-, Adler- und Altvatergebirge gebildet werden.

Indes Pommern, Ostpreußen und Ostbrandenburg überwiegend der Norddeutschen Tiefebene zuzuordnen sind, ist Schlesien eindeutig Teil der deutschen Mittelgebirgslandschaft.

Fläche und Bevölkerung

Die Oder-Neiße-Gebiete haben eine Fläche von 114 296 qkm, was einen Anteil an Deutschland in den Grenzen des Altreiches von 24,3 v. H. bedeutet. Vor dem Ausbruch des II. Weltkrieges (1939–45) lebten auf ihrem Gebiet 9,621 Millionen Menschen, was einen Anteil von 13,8 v. H. der damaligen Reichsbevölkerung ausmachte.[2]

Hauptsiedlungsgebiete der deutschen Minderheit waren Oberschlesien, wo schätzungsweise 750–800 000 Deutsche lebten und Südostpreußen, wo ca. 60 000 Deutsche (Autochthone) zwischen 1950 und 1990 gelebt hatten. Heute konzentriert sich der deutsche Siedlungsschwerpunkt auf Oberschlesien. (→ deutsche Heimatvertriebene, Spätaussiedler)

Nationale und ethnische Minderheiten

Vor dem II. Weltkrieg waren die Oder-Neiße-Gebiete durchweg als deutscher Sprach- und Kulturraum anzusehen, da 99,53 v. H. oder 9,575 Millionen Einwohner nach Sprache und Kultur Deutsche waren. Nationale Minderheiten bildeten die 440 168 Polen (1933) in Westoberschlesien[1] und einige wenige Hundert Mährer (Tschechen), die im Kreis Oppeln wohnten. In Ostbrandenburg und Hinterpommern gab es bezüglich der polnischen Minderheit einen Zuwachs von je 1 v. H., was sich durch die Eingliederung der im Oktober 1938 aufgelösten Grenzmark Posen-Westpreußen erklärte.

Ausgehend von der Volkszählung von 1925 stellten sich die nationalen Verhältnisse in den Oder-Neiße-Gebieten wie folgt dar:

  1. Ostpreußen: Deutsche 81 v. H., Masuren 10 v. H. , Litauer 5 v. H.,[3] Sonstige 4 v. H.
  2. Pommern: Deutsche 97 v. H., Polen 2 v. H., 1 v. H. Slowinzen (Kaschuben)
  3. Grenzmark Posen-Westpreußen: Deutsche 98 v. H., Polen 2 v. H.
  4. (Ost)Brandenburg: Deutsche 100 v. H.
  5. Schlesien: Deutsche 73 v. H., Polen 24 v. H., Tschechen 2 v. H., Sorben 1 v. H.[3]

Es ist anzumerken, dass bei der Volkszählung 1925 die slawischen Völker in Deutschland erstmals nicht als „Polen“ summiert wurden, sondern nach nationaler Muttersprache. So wurden in Ostpreußen denn auch 204 000 Masuren und rund 94 000 Litauer gezählt.[3] Diese waren mehrheitlich evangelisch, sodass das evangelische Bekenntnis in Ostpreußen mit 85 v. H. durchweg vorherrschend war.[3] Römisch-katholisch waren etwa 15 v. H. der Bevölkerung, die im Wesentlichen aus Polen gebildet wurden. Bei der letzten Reichstagswahl vor dem I. Weltkrieg (191418) stimmten zwei von drei Wahlkreisen (Königsberg, Gumbinnen) jeweils 100 v. H. für deutsche Parteien, indes in einem Wahlkreis (Allenstein) 22 v. H. auf polnische Parteien entfielen; die Mehrheitsbevölkerung in den masurischen und litauischen Gebieten war damals also „vaterländisch“ eingestellt.[4]

Bei der Reichstagswahl 1912 entfielen in Pommern 99 v. H. auf deutsche Parteien, indes die polnischen Listen nur 1 v. H. auf sich vereinigen konnten.[4]

In der späteren Grenzmark Posen-Westpreußen entfielen bei der Reichstagswahl 1912 durchweg 100 v. H. auf deutsche Parteien.[4]

Bei der Reichstagswahl 1912 stimmten Nieder- und Mittelschlesien jeweils 100 v. H. für deutsche Parteien, indes in Oberschlesien 31 v. H. auf polnische Listen entfielen. Hier besaßen die Nationalpolen in den Oder-Neiße-Gebieten ihre stärkste Basis. Dennoch verblieb auch hier (ähnlich wie in Allenstein) die Stimmenmehrheit (69 v. H.) bei deutschen Parteien.[4]

Ostbrandenburg kann für 1912 nicht gewertet werden, da es stimmenmäßig als Gesamtteil Brandenburgs auf dieses entfiel.

Die jüdische Minderheit wurde nicht nach Sprache ausgesondert, sondern galt jeweils als Juden deutscher, polnischer oder tschechischer Sprache.

Ethnische Minderheiten im heutigen Sinn waren in den Oder-Neiße-Gebieten kaum bis gar nicht vorhanden. Manfred Weinhold weist in seinem Buch Deutschlands Gebietsverluste 1919–1945 in seiner Aufstellung lediglich (und ohne weitere Differenzierung) 45 600 Nichtdeutsche (0,47 v. H.) für die Oder-Neiße-Gebiete nach.[5]

Sprache

Bis zur Vertreibung der Deutschen war Deutsch die vorherrschende Sprache in den Oder-Neiße-Gebieten. Minderheitensprachen waren Polnisch (Oberschlesien, Pommern, Ostbrandenburg), Masurisch (Ostpreußen), Litauisch (Ostpreußen) und Kaschubisch (Pommern).

Seit 1950 sind diese Gebiete fast ausschließlich polnisches und russisches Sprachgebiet.

Verwaltungsstruktur

Bis 1945 galt in den Oder-Neiße-Gebieten die deutsche Verwaltungsstruktur und sie waren überwiegend als Provinzen Preußen zugeteilt. Lediglich die Grenzmark bildete bis 1938 ein eigenständiges Land innerhalb Deutschlands.

Gebiet, Stand 1939 Größe in qkm[6] Bevölkerung in Mio.[6] Davon Deutsche[6]
Ostpreußen 36 996 2,488 2,473
Pommern 31 301 1,895 1,884
Ostbrandenburg 11 329 0,645 0,642
Niederschlesien 24 938 3,6063 3,053
Oberschlesien 9733 1,529 1,523

Von Ostpreußen fielen 13 205 qkm (1,157 Mio. Einw. 1939) auf das sowjetische und 23 791 qkm (1,331 Mio. Einw. 1939) auf das polnische Verwaltungsgebiet.[6]

Ab 1933 waren die Länder- und Provinzstrukturen der Oder-Neiße-Gebiete infolge der nationalsozialistischen Gleichschaltung von der Gauordnung der NSDAP überdeckt. So bestanden auf ihrem Gebiet die Gaue Pommern, Ostpreußen, Kurmark und Schlesien. Während des II. Weltkrieges wurden vor allem die Gaue Ostpreußen und Oberschlesien (ab 1941) territorial massiv auf Kosten polnischer Gebiete ausgedehnt.

Heute bildet das nördliche Ostpreußen das russische Oblast Kaliningrad (калининградская область /kaliningradskaja oblast’/ „Kaliningrader Gebiet“), die polnischen Gebietsteile sind heute auf die Woiwodschaften Olsztyn (Allenstein), Gdańsk (Danzig), Szczecin (Stettin), Zielona Góra (Grünberg i. Schlesien), Wrocław (Breslau), Opole (Oppeln) und Katowice (Kattowitz) aufgeteilt.

Problematik und [offene] Grenzfragen

Die Geschichte der Oder-Neiße-Gebiete hängt eng mit der Geschichte der Oder-Neiße-Linie zusammen. 1945–90 waren sie formaljuristisch Teil der damaligen deutschen Frage. Im Sommer 1950 verzichtete die DDR im Namen Deutschlands auf sie und definierte die Demarkationslinie an Oder und Neiße als „deutsch-polnische Friedensgrenze“.

Nach den Ziff. VI und IX des als ‚Mitteilung über die Drei-Mächte-Konferenz von Berlin‘ bezeichneten sogenannten Potsdamer Protokolls vom 2. August 1945 wurden die deutschen Ostgebiete ‚vorbehaltlich der endgültigen Bestimmungen der territorialen Fragen bei der Friedensregelung‘ teilweise unter sowjetische und teilweise unter polnischer ‚Verwaltung‘ gestellt. Während der Umfang des Gebietes, das Polen im Friedensvertrag mit Deutschland zugesprochen werden sollte, noch nicht näher bestimmt war (die Westmächte erkannten nur einen nicht näher spezifizierten ‚gebietsmäßigen Kompensationsanspruch‘ an), wurde der UdSSR das Königsberger Gebiet bereits in Aussicht gestellt. Die sich aus dem Vorbehalt der ‚Friedensregelung‘ ergebene Vorläufigkeit und Genehmigungsbedüftigkeit der Gebietszuweisung wurde nach dem Abschluß der Potsdamer Konferenz – trotz der bereits eingeleiteten Vertreibung der deutschen Bevölkerung – auch von der Sowjetunion und Polen respektiert, so daß es insoweit keine Meinungsverschiedenheiten über die Auslegung des Potsdamer Protokolls geben kann.
Der sowjetisch-polnische Vertrag vom 16. August 1945, der den Verlauf der sowjetisch-polnischen Grenze durch Ostpreußen beschreibt, wiederholt in seinem Art. 3 ausdrücklich den Friedensvertragsvorbehalt unter Bezugnahme auf die Potsdamer Konferenz.
—   Dieter Blumenwitz: Was ist Deutschland? Staats- und völkerrechtliche Grundsätze der deutschen Frage und ihre Konsequenzen für die deutsche Ostpolitik, S. 44.

Der Bundestag in Bonn protestierte zwar förmlich und erklärte, dass nur ein Friedensvertrag den Rechtsstatus der Oder-Neiße-Gebiete klären könne, doch auch dort schränkte sich die Frage einer Wiedervereinigung ab 1965, insbesondere nach 1969/70 auf die Vereinigung beider deutscher Staaten inklusive Großberlin ein.

Der Warschauer Vertrag (1970) erkannte staatsrechtlich die Grenze an Oder und Neiße als polnische Westgrenze an und der Zwei-plus-Vier-Vertrag (1990) sowie der ihm nachfolgende deutsch-polnische Grenzvertrag hoben den völkerrechtlich bestehenden Status quo auf, indem Deutschland verbindlich erklärte, dass seine Ostgrenze durch ehemalige Grenzlinie zwischen DDR und Polen gebildet werde.

Politik und Wirtschaft

Politik

Die Oder-Neiße-Gebiete waren formaljuristisch bis 1990 Teil der deutsch-polnischen Außenpolitik. Sie machten territorial 24,3 v. H. von Deutschland in den Grenzen vom 31. Dezember 1937 aus, indes 1939 die Wohnbevölkerung dort 13,8 v. H. der Gesamtbevölkerung darstellte.[6]

Eine wesentliche Frage stellte ab den 1970er-Jahren auch die sogenannte Familienzusammenführung der deutschen Minderheit dar, von der geschätzt wurde, dass nach 1950 noch etwa 1,1 Millionen[6] Deutsche in Polen ansässig seien, von denen die Mehrheit das bundesdeutsche Recht besaß, in die Bundesrepublik Deutschland zu ziehen, wenn sie familiäre Bindungen dorthin nachweisen konnten.

Aus bundesdeutscher Sicht, und vor allem aus Sicht der Heimatvertriebenen, blieben die Oder-Neiße-Gebiete auch nach 1970 Teil Deutschland als Ganzes, dessen Grenzen nur über Friedensvertrag veränderbar sei.[7]

Auf dem Schlesiertreffen 1989 in Hannover erklärte Bundesfinanzminister Theo Waigel (geb. 1939, CSU): „Mit der Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 8. Mai 1945 ist das Deutsche Reich nicht untergegangen. Es gibt keinen völkerrechtlich wirksamen Akt, durch die die östlichen Teile des Deutschen Reiches von diesem abgetrennt worden sind.“

Wirtschaft

Die Oder-Neiße-Gebiete waren und sind wichtig für Polen und sie waren wichtig für Deutschland, wenn man das Jahr 1937/38 zugrunde legt. Für die nachfolgende gesamtdeutsche Produktion an Gütern usw. hatten die Oder-Neiße-Gebiete folgende Produktionsanteile:[8]

  1. Schamotte 100 v H.,
  2. Magnesit 100 v. H.,
  3. Kartoffelstärke 65 v. H.,
  4. Flachs/Leinen 48 v. H.,
  5. Zellstoff 40 v. H.,
  6. Spiritus 33 v. H.,
  7. Papier 31 v. H.,
  8. Granit 28 v. H.,
  9. Marmor 26 v. H.,
  10. Rohrzucker 25 v. H.,
  11. Benzin 22 v. H.,
  12. Zündhölzer 22 v. H.,
  13. Steinzeugton 19 v. H. und
  14. Kautschuk 12 v. H.

An Vorräten besaßen die Oder-Neiße-Gebiete, gemessen an den gesamtdeutschen 8 v. H. an Steinkohlevorräte, Steinkohlevermutungen 5,1 v. H., Bleierzvorräte 39 v. H. und Zinkerzvorräte 63,9 v. H.[8]

An der Landwirtschaft usw. hatten die Oder-Neiße-Gebiete einen deutschlandweiten Anteil von 25 v.6nbsp;H., wobei dort die landwirtschaftliche Nutzfläche je Einw. bei 0,748 ha lag. Deutschlandweit besaßen die Oder-Neiße-Gebiete 28 v. H. Ackerland, 18 v. H. Wiesen- und Weideflächen, an der Getreideernte 26 v. H.; an der Weizenernte 16 v. H., an der Gerstenernte 22 v. H., an der Haferernte 21 v. H., an der Roggenernte 32 v. H. und am Futtergetreide 25 v. H.[8]

Ihr Anteil an der Kartoffelernte lag deutschlandweit bei 29 v. H., bei den Zuckerrüben bei 26 v. H., bei der Obsternte bei 9 v. H. und bei der Waldfläche bei 23 v. H.; 30 v. H. aller Pferde in Deutschland und 20 v. H. aller Rinder sowie 24 v. H. aller Schweine kamen aus Höfen und Gezüchten der Oder-Neiße-Gebiete. An der Milchproduktion besaßen die Oder-Neiße-Gebiete einen deutschlandweiten Anteil von 21 v. H., an der Butterproduktion ebenfalls 21 v. H.[8]

Verkehr und Tourismus

Waren die Oder-Neiße-Gebiete bis 1945 eher landwirtschaftlich geprägt, eine ausgeprägte Industrielandschaft bestand nur in Oberschlesien, sind sie heute ähnlich strukturiert wie das restliche Europa. Der Verkehr dort ist gut ausgebaut.

Zur Zeit des Kalten Krieges (1945–90) waren sie Teil des Ostblocks und wurden nur von wenigen Touristen der sozialistischen Bruderländer besucht. Nach 1970 lebte bei ihnen der sogenannte Heimweh-Tourismus bei ihnen auf, als Heimatvertriebene begannen, ihre alte Heimat mit Reisegruppen aufzusuchen.

Nach 1990 ist Polen insgesamt ein beliebtes internationales Reiseziel, da Städte wie Danzig oder Breslau nach dem Krieg fast originalgetreu wieder aufgebaut wurden. Das alte Königsberg war lange Zeit Sperrgebiet, erfreut sich aber heute wieder großer Beliebtheit. Deutsche bereisen überwiegend die Oder-Neiße-Gebiete, aber auch Zentralpolen.

Mitgliedschaften in internationalen Organisationen und Militärbündnisse

1955–91 waren die Oder-Neiße-Gebiete als Teil Polens Teil des Warschauer Paktes und 1949–91 Teil des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe.

Heute sind die Gemeinden der Oder-Neiße-Gebiete Teil der Europäischen Union und stellen vielfach polnische Partnergemeinden für Städte in der ehemaligen DDR dar. Vor allem die seit 1945 geteilten Städte Görlitz/Zgorzelec und Frankfurt (Oder)/Słubice stellen Pioniere und Vorreiter dar.

Chronik

Vordeutsche Zeit

Die Oder-Neiße-Gebiete stellten ursprünglich germanisches Siedlungsgebiet dar. Infolge der Völkerwanderung, die im 4. Jahrhundert einsetzte, zog die Masse der Germanen ab, hinterließ jedoch eine Restbevölkerung dort, um sich die Heimatrechte zu sichern.

Ab dem 6. Jahrhundert sickerten, von Osten kommend, slawische Volksstämme ein, die schnell die dortige vordeutsche Bevölkerung assimiliert haben dürfte. Teilweise übernahmen sie Stammes- und Landschaftsnamen von diesen.

Im 10. Jahrhundert hatte das römisch-deutsche Reich mit der Oder-Bober-Linie eine Grenzziehung erreich, die in etwa der späteren Oder-Neiße-Linie entsprach.

Ostsiedlung

Im 11. Jahrhundert begann die deutsche Ostsiedlung, in deren Folge die Oder-Neiße-Gebiete regermanisiert wurden. Erst gewaltsam, später friedlich. Es ist für die Oder-Neiße-Gebiete prägend, dass Germanen und Slawen dort in wilder Gemengelage lebten, da sich nach Abschluss der Ostsiedlung keine klare Sprachgrenze herausbilden vermochte.

Im 19. Jahrhundert kam das politische Nationalbewusstsein auf, das eine klare Forderung hatte: Staatsgrenze sollte die Sprachgrenze sein. Preußen begann, im Zuge einer weiteren Ostbewegung in Posen-Westpreußen das Polentum aktiv zu bekämpfen.

Polnisch-Preußen

Um 1550 hatte die deutsche Ostgrenze ihre letzte Ausprägung erhalten, wie sie bis zum 6. August 1806 bestand. Brandenburg-Preußen, seit 1701 Königreich, gehörte nur mit seinen westlich dieser Grenze befindlichen Gebieten zum Reich. 1657 erwarb es von Polen das Bütower und Lauenburger Ländchen und 1668 das Draheimer Ländchen, die allesamt Preußisch-Pommern angeschlossen wurden. Erstere waren 1460–1657 zu Pommern-Stettin gekommen und waren dann mit diesem an Preußen gefallen, dem 1648 (Westfälischer Friede) Hinterpommern, das alte Pommern-Stettin, zugesprochen worden war.

1792 erwarb Preußen aus der I. Teilung Polens Pommerellen und den Netzedistrikt sowie das Ermland, sodass das Königreich Preußen nun mit Pommern und dem Kurfürstentum Brandenburg verbunden war. 1793 gliederte Preußen das Gebiet Danzigs ein. Ebenfalls 1793 erwarb es aus der II. Teilung Polens Großpolen, das es als „Südpreußen“ seinem Gebietsstand eingliederte. Die III. Teilung Polens erbrachte den Erwerb Neu-Ostpreußens und Neu-Schlesiens, derweil das zu Österreich gehörende Ungarn 1792–95 Galizien eingliederte; damit war Polen-Litauen von der politischen Landkarte verschwunden.

Unter dem Druck des napoleonischen Frankreichs verlor Preußen alle seit 1792 erworbenen Gebiete im Osten und es hatte zeitgleich Gebietsverluste im Westen. De facto wurde von Frankreich die Reichsgrenze wiederhergestellt, wie sie seit dem 16. Jahrhundert bestanden hatte.

Deutscher Bund, Norddeutscher Bund

181566 gehörten die Oder-Neiße-Gebiete überwiegend zum Gebiet des Deutschen Bundes: Der Wiener Kongress hatte beschlossen, dass sich Deutschlands Grenzen an jenen orientieren sollten, wie sie vor 1792 bestanden hatten. Abweichend davon war es Preußen erlaubt worden, die deutschen Grenzen auf die nach dem 30-jährigen Krieg erworbenen Gebiete um Bütow, Draheim und Lauenburg auszudehnen.

1848/49 stellte sich auch in Deutschland die Frage, wie es zu einen sei. Es boten sich drei Lösungsansätze an: (großdeutsch, kleindeutsch, großösterreichisch).

Preußen bestand darauf, dass auch „Polnisch-Preußen“, es hatte in Wien Teile der 1792 von ihm erworbenen Gebiete Polens (Posen, Westpreußen) zurückerhalten, Teil Deutschlands würden. Aufgrund der vielen Polen in Posen beschloss es, das Großherzogtum entlang einer Linie zu teilen, die in etwa der Sprachgrenze entsprach und „Deutsch-Posen“ und die „Provinz Preußen“ (Ost- und Westpreußen) einzubringen; „Polnisch-Posen“ bildete nun kurzfristig das Herzogtum Gnesen.

Letztendlich setzte sich 1871 die kleindeutsche Lösung durch, nachdem es Preußen gelungen war, 1866 Österreich aus Deutschland herauszudrängen und Deutschland politisch im Norddeutschen Bund zu vereinen.

Wilhelminisches Kaiserreich, Weimarer Republik

Seit 1871 gehörten die Oder-Neiße-Gebiete zum Deutschen Reich, dem deutschen Nationalstaat.

Nach dem I. Weltkrieg, am 12. November 1918, riefen die Provisorische Nationalversammlung für Deutschösterreich die Republik aus und erklärten diese zum Teil Deutschlands. Damit war formal ein großdeutscher Nationalstaat entstanden, der das Manko besaß, völkerrechtlich nicht anerkannt zu sein.

Bereits im Oktober 1918 waren in Oberschlesien, aber vor allem in Posen, Grenzkämpfe entstanden, da die Nationalpolen zur polnischen Republik und nicht zu Deutschland gehören wollten. Bereits im November 1918 war in Posen eine Demarkationslinie entstanden, die in Versailles zur Basis der neuen Grenzziehung herangezogen wurde. Mit der Abtretung von Westpreußen-Pomerellen war der polnische Korridor entstanden, den die deutschen Regierungen wieder beseitigen wollten, da sie die neue Ostgrenze als „Unrecht“ ansahen.

1920 und 1921 fanden in einigen Gebieten (Ostpreußen, Marienwerder und Oberschlesien) Volksabstimmungen statt, die über die staatliche Zugehörigkeit dieser Gebiete entscheiden sollten. Polen war sich sicher, dass die oberschlesischen „Wasserpolen“ und die Masuren in Ostpreußen sich für das „richtige“ Vaterland entscheiden würden: Doch die Abstimmungen vom 11. Juli 1920 und vom 2. März 1921 brachte auf polnischer Seite für diese enttäuschende Ernüchterung: Die polnischsprachigen Oberschlesier und die slawischsprachigen Masuren zeigten, das sie in erster Linie Schlesier und Ostpreußen waren: Im ostpreußischen Abstimmungsgebiet stimmten 98 v. H. für einen Verbleib bei Deutschland, im westpreußischen 92 v. H.; in Oberschlesien kamen die deutschen Stimmen auf 60 v. H.; allein in Westoberschlesien stimmten 71 v. H. für den Verbleib bei Deutschland. 1922 musste Ostoberschlesien dennoch an Polen abgetreten werden, da hier die Mehrheit (56 v. H.) für Polen gestimmt hatte. Da die Deutschen jedoch in diesem Gebiet nur etwa 40 v. H. ausmachten, müssen 1921 mindestens 100 000 Polen für Deutschland gestimmt haben, da die deutschen Stimmen 44 v. H. erreicht hatten.[4]

III. Reich, Nachkriegszeit

Die Oder-Neiße-Gebiete kamen gleich der anderen Länder am 30. Januar 1933 unter die nationalsozialistische Gewaltherrschaft (1933–45). Bis zum Ausbruch des II. Weltkrieges (1. September 1939) waren sie überwiegend ländlicher Natur. Bereits im August 1939 dienten sie als Aufmarschgebiet der Deutschen Wehrmacht gegenüber Polen. Nachdem dieses bis Oktober 1939 niedergeworfen war, wurden sie territorial erweitert, indem polnische Siedlungsgebiete eingegliedert wurden. (→ IV. Teilung Polens)

Ab Januar 1945 gehörten die Oder-Neiße-Gebiete zu den Flucht- und ab Sommer 1945 zu den Vertreibungsgebieten. Bereits am 2. März 1945 erklärte die Sowjetführung, dass aller deutscher Besitz in sowjetische Hände gefallen sei, da die angestammte Bevölkerung gänzlich geflohen sei. Am 14. und 20. März wurden die Woiwodschaften Masuren, Oberschlesien, Niederschlesien, Pommern und Danzig gegründet.

Am 21. April 1945 vereinbarte die UdSSR vertraglich mit der polnischen Regierung, die deutschen Gebiete östlich von Oder und Neiße mit Ausnahme Nordostpreußens einer polnischen Auftragsverwaltung zu unterstellen. Am 24. Mai 1945 übernahm die polnische Regierung die Gebietshoheit und die Westmächte protestierten förmlich: bis zum 5. Juni 1945 verstanden sie die Oder-Neiße-Gebiete noch als Teil der SBZ. Die Verwaltung in den Oder-Neiße-Gebieten übernahm das eigens gegründete Sonderministerium für die wiedergewonnenen Gebiete.

Die UdSSR bildete im Juli 1945, kurz vor Beginn der Potsdamer Konferenz, aus Nordostpreußen den особый военный округ /osobnij wojennij okrug/ „besonderer Militärkreis“ und formierte aus diesem zum 7. April 1946 das кенигсбергская область /keningsbergskaja oblast’/ „Königsberger Region“.

Bereits am 4. Juli 1946 wurde der endgültige Name калининградская область /kaliningradskaja oblast’/ „Kaliningrader Region“ eingerichtet und die dort verbliebenden Deutschen ab 1948 vertrieben. Die Region wurde rasch russifiziert und Neusiedler aus der Ukraine und Weißrussland dort angesiedelt.

Am 25. Februar 1947 gliederte die UdSSR das ihr unterstehende Gebiet in die damalige russische Sowjetrepublik ein, worauf am 11. Januar 1949 die Auflösung des Sonderministeriums vorgenommen wurde. Damit waren die vormals deutschen Gebiete de facto in die UdSSR und in Polen eingegliedert und aus sowjetisch-polnischer Sicht stellte Deutschland nun Ausland dar.

Formaljuristisch blieben die Oder-Neiße-Gebiete Teil Deutschland als Ganzes und die Eingliederung wurde nur als provisorisch betrachtet, wenn gleich die UNO rasch dazu überging, diese als integraler Teil Polens und der UdSSR zu betrachten.

Sicht der DDR und die Sicht der BRD

1949 ging auch die Deutsche Demokratische Republik anfänglich davon aus, dass die Oder-Neiße-Gebiete weiterhin Teil „ihresStaatsgebietes sei, stünde sie doch als legitime, volksdemokratische Republik für ganz Deutschland.

Im Zuge der Sowjetisierung der DDR schloss diese bereits im Sommer 1950 mit der Volksrepublik Polen ein Grenzabkommen, das Görlitzer Abkommen, ab, das die Demarkationslinie an Oder und Neiße zur deutsch-polnischen Friedensgrenze erklärte.

Die völkerrechtlichen Gebietsansprüche vonseiten der Bundesrepublik Deutschland blieben formaljuristisch bestehen, und zwar bis zu den Zwei-plus-Vier-Gesprächen in Paris im Sommer 1990. Doch bereits im Zuge ihrer „Entspannungspolitik“, die unter der Regierung Brandt (196974) ihre Anfänge genommen hatte, garantierten die 197073 abgeschlossenen Ostverträge alle seit 1945 bestehenden Grenzen in Europa, einschließlich der Oder-Neiße- und der Elbe-Werra-Linie („innerdeutsche Grenze“). Auch der Warschauer Vertrag bezeichnete die Oder-Neiße-Linie als westliche Grenze Polens.

1990–heute

Nach der deutschen Wiedervereinigung (3. Oktober 1990) schlossen das vereinte Deutschland und Polen im November 1990 einen Grenzvertrag ab, der die Gültigkeit des Görlitzer Abkommens und des Warschauer Vertrages noch einmal bestätigt und so die Oder-Neiße-Linie völkerrechtlich als Westgrenze Polens definiert. Damit wurden de jure die Oder-Neiße-Gebiete aus der staatlichen Souveränität Deutschlands entlassen und die deutsche Frage als solches für abgeschlossen erklärt.

Siehe auch

Fußnoten

  1. 1,0 1,1 Theodor Bierschenk: Der polnische Standpunkt. Mit einer Stellungsnahme dazu, in: Bund der Vertriebenen (Hrsg.): Fibel zur Deutschlandfrage, Bd. I., Hermann Schroedel Verlag KG Berlin – Hannover – Darmstadt 1962, S. 12–21; hier S. 13, 15 & 18.
  2. Alfred Verdross, Bruno Simma, Rudolf Geiger: Territoriale Souveränität und Gebietshoheit. Zur völkerrechtlichen Lage der Oder-Neiße-Gebiete, Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen 1980, ISBN 3-88557-015-7, S. 39.
  3. 3,0 3,1 3,2 3,3 Albert Müller: Vorbereitung für den erdkundlichen Unterricht, Verlag von A. W. Zickfeld Osterwieck/Harz und Leipzig 1926, „Deutschland als Ganzes. II. Die deutschen Staaten“, S. 187–288; hier S. 193, 195, 205 & 208.
  4. 4,0 4,1 4,2 4,3 4,4 Bund der Vertriebenen (Hrsg.): Fibel zur Deutschlandfrage, Bd. I., Hermann Schroedel Verlag KG Berlin – Hannover – Darmstadt 1962, Darstellungskarte „Ostgebiete des Deutschen Reiches nach dem 1. Weltkrieg“.
  5. Manfred Weinhold: Deutschlands Gebietsverluste 1919–1945. Handbuch und Atlas, ARNDT-Verlag 1999, ISBN 3-88741-197-8, S. 105.
  6. 6,0 6,1 6,2 6,3 6,4 6,5 Alfred Verdross, Bruno Simma, Rudolf Geiger: Territoriale Souveränität und Gebietshoheit. Zur völkerrechtlichen Lage der Oder-Neiße-Gebiete, Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen 1980, ISBN 3-88557-015-7, S. 9.
  7. Alfred Verdross, Bruno Simma, Rudolf Geiger: Territoriale Souveränität und Gebietshoheit. Zur völkerrechtlichen Lage der Oder-Neiße-Gebiete, Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen 1980, ISBN 3-88557-015-7, S. 10.
  8. 8,0 8,1 8,2 8,3 F. Dörr, W. Kerl, Osmipreß GmbH: Ostdeutschland und die deutschen Siedlungsgebiete in Ost- und Südosteuropa in Karte, Wort und Bild, Südwest-Verlag München, Aufl. 1987, ISBN 3-517-01070-7, S. 47.
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