FANDOM


Niederdeutsches Sprachgebiet (historisch)

Das historische niederdeutsche Sprachgebiet, wie es bis etwa 1945/50 bestand. Aufgrund der Stammbaumtheorie wird hier auch niederländisch-niederrheinische Bereich mit angezeigt.

Niederdeutsches Sprachgebiet, auch niederdeutscher Sprachraum oder Niederdeutschland bzw. Plattdüütschland (umgangssprachlich), sprachwissenschaftlicher Oberbegriff jener Regionen Deutschlands, die sich nördlich der Benrather oder maken/machen-Linie befinden und sich überwiegend durch das Fehlen der II. Lautverschiebung auszeichnen. Es setzt sich organisch in die Niederlande und in Belgien fort, wo es sich auf das niederfränkische und niedersächsische Dialektgebiet beschränkt. Letzte Ausläufer lassen sich sich mit dem Westhoek-Flämischen in Französisch-Flandern finden.

Im Niederdeutschen, genauer in den niedersächsischen Dialekten, wird der nachfolgend beschriebene Raum als Sprookrebeet vun't Nedderdüütsch, Spraakrebeet vun't Nedderdüütsch oder Taalkuntrai van't Nedderdüütsk[1] bezeichnet. Das Übergangsgebiet zwischen dem Nieder- und dem Mitteldeutschen in den Niederlanden und Belgien zeichnet sich durch die Übernahme ripuarischer Spracheigenschaften aus, die in Folge der Kölner Expansion erfolgten. (→ Uerdinger Linie)

Im eigentlichen Sinne wird in der Germanistik unter dem Begriff niederdeutsches Sprachgebiet nur noch der Geltungsbereich des Plattdeutschen (West- und Ostniederdeutsch) und des Niederrheinischen (Niederfränkisch) verstanden. Friesisch gilt heute als eigenständige Sprache, dessen Zugehörigkeit zum niederdeutschen Sprachgebiet lange Zeit als umstritten galt. Daher wird es zumeist in den Dialektkarten zu den deutschen Dialekten mit einer Sonderfarbe dargestellt.

Infolge des II. Weltkrieges (1939–1945) ging ein Großteil des niederdeutschen Sprachgebietes in den ehemaligen deutschen Ostgebieten verloren.

Etymologie, Kennzeichen, geografische Lage Bearbeiten

Niederdeutsches Sprachgebiet als germanistischer Fachbegriff ist eng mit der deutschen Sprachgeschichte und der II. Lautverschiebung verbunden, die Norddeutschland vom übrigen Deutschland sprachlich trennte. Seine Südgrenze wird allgemein an der Benrather Linie gezogen.

Da es von der vorgenannten Lautverschiebung unberührt blieb, weist das Niederdeutsche noch heute durchweg einen gemeingermanischen Sprachstand auf. So heißt es in ihm gleich wie im Englischen, Friesischen oder Niederländischen, aber auch wie im Dänischen water „Wasser“, tied „Zeit“, maken „machen“, appel „Apfel“.

In der heutigen Germanistik und Niederlandistik gilt es als umstritten, zu seiner Abgrenzung die im 15./16. Jahrhundert ausgeprägte Uerdinger Linie heranzuziehen, an der sich das Personalpronomen erste Person Singular ik vom hochdeutschen ich scheidet.

Geografisch deckt es sich im Wesentlichen mit der Norddeutschen Tiefebene und es setzte sich in Form von Sprachinseln auch in Polen sowie im Baltikum fort, bis es dort nach 1945 infolge von Flucht und Vertreibung der deutschen Wohnbevölkerung auf die Oder-Neiße-Linie zurückging.

Einbezug des niederländischen und niederrheinischen Sprachgebietes Bearbeiten

Als niederdeutsch gelten hier alle westgermanischen Mundarten des kontinentalen nördlichen Europa, die gemeinhin als ‚Plattdeutsch‘, ‚Nederlands‘ oder ‚Vlaams‘ bezeichnet werden. —   Baldur Panzer, Wolf Thümmel: „Die Einteilung der niederdeutschen Mundarten auf Grund der strukturellen Entwicklung des Vokalismus“, Band 7, Kapitel 3.1 Definition ‚niederdeutsch‘, S. 39.
Ein heikles Thema innerhalb der Sprachwissenschaft stellt die Frage da, inwiefern Niederländisch (und das mit ihm engverwandte Niederrheinisch) zum niederdeutschen Sprachgebiet zu zählen ist. Der im 19. Jahrhundert aufkommende Sprachnationalismus, der auch die Germanistik und Niederlandistik begründete, schloss beide unter der Berücksichtigung der Stammbaumtheorie in dieses ein. Aus diesem Kontext heraus ist es auch zu verstehen, warum die niederdeutsche Bewegung auch in Belgien und den Niederlanden agierte und sich für die dietse bewegingdietsche Bewegung“ einsetzte. Daher galt das niederländische Sprachgebiet damals auch als „niederdeutsches Sprachgebiet in Holland und Belgien“.[2] Zudem standen sich auch deutsche und niederländische Dialekte sehr nahe, was durch ein enges Dialektkontinuum begründet wurde und das sich erst nach 1945 immer mehr auflöste.

Derweil das Gros der Germanisten heute davon ausgeht, dass das Niederrheinische und dessen Dialekte als solche aufgrund ihrer Sprachgeschichte, die auch eine rund dreihundertjährige Überdachung ihres nördlichen Sprachgebietes durch das Niederländische beinhaltet, durch ihre niederfränkische Herkunft zum Niederländischen gehört, geht eine Minderheit von diesen weiterhin von der seit 1945 als obsolet geltenden Stammbaumtheorie aus, in der das Niederländische (und damit das Niederrheinische) weiterhin einen Sprachzweig des Niederdeutschen darstellt.

Seit Jan Goossens (geb. 1930) Definition der deutschen Dialekte, in der alle westgermanischen Sprachen dem Deutschen als dessen Dialekte zugerechnet werden, wo dieses die Funktion der Kultursprache innehat, ist man dazu übergegangen, das Niederfränkische am Niederrhein zu den westniederdeutschen und das Niederfränkische im Gelderland und im Achterhoek (Liemers) den niederländischen Dialekten zuzurechnen. So rechnet denn auch die Fehrs-Gilde das Niederrheinische zum Westniederdeutschen und das übrige niederfränkische Sprachgebiet zu den dem Niederdeutschen eng verwandten Sprachen.[3]

Gliederung (historisch) Bearbeiten

Niederfränkisch[4]
  • Südostniederländisch
Niedersächsisch
  • Westniederdeutsch
Ostniederdeutsch (Kolonial-Niedersächsisch)

Siehe auch Bearbeiten

Fußnoten Bearbeiten

  1. Ostfriesisches Niederdeutsch.
  2. Patrick Lehn: Deutschlandbilder: historische Schulatlanten zwischen 1871 und 1990, S. 199; Fußnote 838.
  3. Hrsg. Fehrs-Gilde: Plattdeutsche Grammatik, Kapitel 1.1.1.3 Große Mundartgruppen, S. 28/29 (nebst Darstellungskarte).
  4. Die Zugehörigkeit des Niederländischen zum niederdeutschen Sprachgebiet aufgrund seines überwiegend niederfränkischen Charakters gilt heute allgemein als obsolet und war zwischen den 1960er und den 2000er Jahren innerhalb der Sprachwissenschaft umstritten. Heute wird in der Germanistik nur noch das Niederrheinische miteinbezogen. Dieses gilt als deutscher Dialekt, indes die anderen niederfränkischen Dialekte jenseits der deutsch-niederländischen Grenze sich als niederländische Dialekte begreifen.
  5. Stellt ein Übergangsgebiet zum Ripuarischenen dar, südlich der ik/ich-Linie, nördlich der maken/machen-Linie.
  6. Das Venloer Platt wird heute aus geografisch-politischen Gründen dem Limburgischen zugerechnet. Im eigentlichen Sinn stellt es einen Übergangsdialekt des brabantisch-geldrisch-kleverländischen Dialektgebietes dar.
  7. In der älteren Literatur zum Niederfränkischen gerechnet, da sich dieser Dialekt westlich der Einheitsplurallinie befindet. Heute aufgrund der geografischen Lage (nördlich der elopen/gelopen-Linie) zum Niedersächsischen gerechnet.
  8. Stellt ein Übergangsgebiet zum Thüringisch-Obersächsischen dar, südlich der maken/machen-Linie, nördlich der ik/ich-Linie.